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in Folge der Kreuzzüge und weiterhin unter den von den Franziskanern geſtifteten Laien-Bruderſchaften. Da er ſich im Gottesdienſt an das Kyrieleiſon anſchloß, nannte man dieſe Lieder Leiſen. Hierher gehören Schönſter Herr Jeſu, Chriſt iſt erſtanden, Nun bitten wir den heiligen Geiſt. Nur bei beſondern Gelegenheiten ſang aber das Volk dieſe Lieder in der Kirche. Denn der lateiniſche, prieſterliche Chorgeſang blieb Regel bis zur Reformation. Nachdem aber dieſe auf ihren Gebieten den kirchlichen Gemeindegeſang eingeführt hatte, folgte auch die katholiſche Kirche mehrfach dieſem Beiſpiel, um die Theilnahme des Volks für ihren Gottesdienſt anzuregen und den Proteſtanten nichts nachzugeben.
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Elfter Abſchnitt.
Die Schäden des kirchlichen Lebens im Mittelalter. §. 30. Das Uebergewicht der Tradition über Gottes Wort(Vgl.§. 17—19).
1) Der Strom der kirchlichen Tradition, welcher bereits ſeit dem 4. und 5. Jahrhundert die reine Lehre des Evangeliums überfluthet hatte, beherrſchte immer ausſchließlicher im Mittelalter die Lehre und das Leben der abendländiſchen Kirche.
a) Von der heiligen Schrift beſaß man zwar eine lateiniſche Ueberſetzung vom Kirchenvater Hieronymus (†⁵ 425), welche für inſpirirt galt, die ſogenannte Vulgata, d. h. die allgemein verbreitete; allein dieſelbe befand ſich nur in den Händen der Prieſter und nicht einmal aller, wurde auch von dieſen nur ausnahmsweiſe geleſen, indem man ſich mit den Evangelien, Epiſteln und Pſalmen der kirchlichen Gottesdienſte begnügte, blieb den Laien daher gänzlich unbekannt und konnte um ſo weniger die Herrſchaft der Tradition brechen, da ſie in vorkommenden Fällen ſtets nach der Tradition ausgelegt wurden. 3
b) Auf den hebräiſchen und griechiſchen Grundtext der Bibel aber zurückzugehen, war für Geiſtliche und Laien ſchon deshalb unmöglich, weil die nöthige Bekanntſchaft mit der hebräiſchen und griechiſchen Sprache erſt gegen Ende des Mittelalters im Abendlande ſich verbreitete. Ohnehin mußten auch einzelne Gelehrte, welche etwa die Rechte des Grundtextes gegen die häufig falſche Ueberſetzung der Vulgata zu vertheidigen wagten, von vorn herein bereit ſein, als Frevler gegen dieſe für inſpirirt und unfehlbar erklärte Ueberſetzung ihr Leben im Gefängniß oder auf dem Scheiter⸗ haufen zu endigen. Von der herrſchenden Kirche wurden ſogar Ueberſetzungen der Vulgata in abendländiſche Sprachen, wie die der Waldenſer ins Provengaliſche und die des Johann Wicliffe ins Engliſche, mit allen Mitteln verfolgt und unterdrückt. Diejenigen Ueberſetzungen aber, welche die Hierarchie duldete, waren ſo unverſtändlich und unbrauchbar, daß ſie weder der geltenden Tradition ſchaden noch der Verbreitung der göttlichen Wahrheit nützen konnten.
2) Alle die Millionen heilsbegieriger Menſchen, welche daher im Mittelalter die Frage aufwarfen:„Was muß ich thun, daß ich ſelig werde?“ erhielten nicht die Antwort:„Suche in der Schrift, glaube dem Worte Gottes“ (Joh. 5, 39. 2 Petri 1, 19. A. G. 17, 11), ſondern:„Glaube und thue, was dir die Kirche gebietet!“ Die Kirche aber gebot ihnen durch Päpſte, Biſchöfe und Prieſter nicht, wie das Wort Gottes thut:„Glaube an Jeſum Chriſtum, gib dich Ihm als deinem Erlöſer von Herzen hin; dann wirſt du vor Gott gerecht und ſelig(A. G. 16, 30— 31. Epheſ. 2, 8— 9. Gal. 2, 20. Röm. 3, 28. 10, 10 u. ſ. w.), ſondern ſie erwiederte ihnen:„Es iſt zwar nöthig und „gut, daß du deine Sünden bereuſt und an Chriſtum glaubſt, aber das reicht nicht hin, um Chriſti Verdienſt und „Gnade zu erlangen; vielmehr mußt du dir daſſelbe durch eigne Büßungen und durch kirchlich vorgeſchriebene gute „Werke ſelbſt verdienen! Du mußt fleißig faſten und nachtwachen; recht viele Vater unſer und Abe Maria beten „(Roſenkranz ſeit 1200); den ganzen Pſalter oder die 7 Bußpſalmen gläubig herſagen; dich kaſteien durch Geiſelhiebe, „rauhe Gewänder, hartes Lager, ſpitzige Nägel, eiſerne Ketten und Kugeln, bloße Füße, und weite Wallfahrten; dich „des Weines oder Fleiſches gänzlich enthalten; dein Vermögen an Kirchen und Klöſter ſchenken; den Armen reiche „Almoſen ſpenden; täglich die Meſſe hören; dann haſt du Ausſicht, daß dir der Herr deine Sünden durch prieſterliche „Abſolution vergiebt. Doch damit du Seine Gnade deſto beſſer erlangſt, iſts gut, wenn du die Heiligen, beſonders die „Mutter Gottes um ihre Fürbitte beim Herrn anrufſt; und damit die Heiligen deiner Bitte leichter willfahren, mußt „du ihre Reliquien(Gebeine, Haare, Kleider, Hausgeräthe, Bücher u. ſ. w.) andächtig ehren, zu ihren Gräbern wall⸗ „fahrten, zu ihrer Verherrlichung Altäre, Kapellen, Kirchen und Klöſter bauen, ihnen Kerzen, Kleider, Schmuckſachen „weihen, ihre Bilder als heilig und wunderkräftig anſehen, bei ihnen Hülfe ſuchen in aller Noth für Menſchen und „Vieh. Dann wird dir Chriſtus um deiner guten Werke willen gnädig ſein, indem die Heiligen für dich bitten.“
3) Entſprechend dieſer ſchriftwidrigen Veränderung des Heilswegs begnügte ſich die mittelalterliche Kirche auch nicht mit der Feier der altkirchlichen Sonn- und Feſt⸗Tage(Oſtern, Pfingſten, Weihnachten, Epiphanias), ſondern fügte eine Menge von Marien⸗, Avpoſtel-, Heiligen⸗, Märtyrer⸗ und Engel⸗Feſten hinzu. Nachdem die Lehre von der Brodverwandlung im h. Abendmahl ſeit 1215 zur Kirchenlehre erhoben war, führte man 1264 das Frohnleichnamsfeſt (festum corporis Christi) als höchſtes Feſt der katholiſchen Chriſtenheit ein. Man verherrlichte durch daſſelbe beſonders den prieſterlichen Stand, indem dieſer mit ſchöpferiſcher Kraft aus dem bloßen Brode den wahrhaftigen Gott hervor⸗ zubringen ſchien. Damit kein Tropfen vom vermeinten Blute verloren ginge, entzog man außerdem den Laien den
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