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2 (1879)
Entstehung
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Zehnter Abſchnitt.

Die Lichtſeiten des kirchlichen Lebens im Abendland während des Mittelalters. §. 28

Die Ausbreitung chriſtlicher Bildung bei den neubekehrten Völkern durch die Geiſtlichen und Mönche.

1) Das hohe Anſehn, welches die Prieſter und Biſchöfe ſchon in der alten Kirche genoſſen hatten(Bgl.§. 9, 3. 17, 6), ging nicht nur unvermindert auf den Clerus der neubekehrten Völker über, ſondern erfuhr ſogar noch eine bedeutende Steigerung. Denn der geiſtliche Stand war dieſen ungebildeten Völkern gegenüber nicht nur der Vermittler mit Gott und der Haushalter über die Gnadenſchätze der Kirche, ſondern auch der einzige Träger jeder höheren geiſtigen und ſittlichen Bildung. Mit dem Chriſtenthum brachte er ihnen die Reſte der altrömiſchen Cultur, welche ſich während der Völkerwanderung in Jtalien, Spanien und England behauptet und bis zum 8. Jahrhundert in den Domſchulen der Biſchöfe ſowie in den Kloſterſchulen der Benediktiner fort⸗ geerbt hatten. Neu errichtete Dom⸗ und Kloſterſchulen wurden dann in den chriſtianiſirten Ländern die Mittelpunkte von welchen aus die Wiſſenſchaften und Künſte allmählig ihren Weg zu den höheren Ständen fanden. Vorzugsweiſe waren es die Geiſtlichen, welche in dieſen Schulen für ihren Beruf ausgebildet wurden, doch auch die weltlichen Großen ließen ſich allmälig bewegen, auch für ſich die Bekanntſchaft mit den Wiſſenſchaften zu ſuchen.

a) Die Grundlage für jedes Studium wurde durch die ſogenannten ſieben freien Künſte(artes liberales) des Alterthums gelegt(Vgl.§. 20, 3). An der Spitze derſelben ſtand der Unterricht in der lateiuiſchen Sprache, die Grammatik; ſie war das unentbehrliche Hülfsmittel zur Theilnahme an der chriſtlichen und allgemeinen Cultur des Abendlandes; aus lateiniſchen Büchern wurde dann die Dialektik, d. h. eine beſtimmte Summe von philoſophiſchen Schulbegriffen und Denkregeln ſowie die Rhetorik oder Redekunſt geäbt; daneben wurde etwas

ſtronomie oder Sternkunde getrieben, welche aber oft nichts anderes als Aſtrologie oder Sterndeuterei war; ferner Muſik für die Bedürfniſſe des Gottesdienſtes und Arithmetik nebſt Geometrie für das praktiſche Leben, beſonders für die Zwecke der kirchlichen Baukunſt. Die Lehrer dieſer Schulen waren ſämmtlich Geiſtliche oder Mönche. Unter ihrer Leitung wurde je nach Neigung und Bedürfniß auch Theologie und Medicin ſtudirt. Beim Studium der Theologie wurde im ganzen Abendland auf die Werke des heiligen Auguſtinus zurückgegangen. Nicht wenige Mönche gaben ſich außerdem zeitlebens mit dem Abſchreiben der lateiniſchen Bibel, der Kirchenväter und der Werke des anſchen Alterthums ab und verſtanden dieſe Abſchriften mit kunſtvollen Initialen oder Anfangsbuchſtaben zu ſchmücken.

b) Seit dem 10. Jahrhundert wurde man, zuerſt in Frankreich, durch die Araber auch wieder mit der griechiſchen Literatur in Berührung gebracht, beſonders mit Arinoteles, welcher für die Ausbildung der mittelalterlichen Theologie und Philoſophie außerordentlich wichtig wurde. Denn aus der Philoſophie des Ariſtoteles und ſpäter des Platon ſchöpfte man die Begriffe und wiſſenſchaftlichen Formeln, durch welche man die überlieferte chriſtliche Lehre mit allen ihren hierarchiſchen, werkheiligen und cärimoniellen Zuthaten als vernünftige Wahrheit zu erweiſen ſuchte. Man nannte dieſe Methode der Theologie und Philoſophie die Scholaſtik und die Lehrer derſelben Scholaſtiker. Unter den Scholaſtikern waren die bedeutendſten:*) Anſelm von Canterbury, geboren zu Aoſta in Savoyen, Mönch und Abt des durch ſeine Schule berühmten Kloſters Bec, dann Erzbiſchof von Canterbury, Verfaſſer des Buches Von der Menſchwerdung Gottes(Cur deus homo) und Begründer der ſpäteren kirchlichen Ver⸗ ſöhnungslehre, geſtorben 1109; 9) Petrus Lombardus, Verfaſſer des wichtigſten theologiſchen Lehrbuchs des ganzen Mittelalters(Libri IV sententiarurn), geſtorben 1164;) Bonaventura, geſtorben 1274; 4) Thomas, Graf von Aquino, Univerſitätslehrer in Paris, Domimikaner, der tieſſte Denker ſeit Auguſtins Zeiten, geſtorben 1274;) Duns Skotus, der ſcharfſinnigſte Philoſoph des Mittelalters, geſtorben 1309.

c) Gegenüber den Scholaſtikern ſtand eine Reihe von Männern, welche die Unbegreiflichkeit der göttlichen Wahrheit behaupteten und das ganze Gewicht auf die Gemeinſchaft des Herzens mit Gott legten; dieſe wurden Myſtiker genanut. Die wichtigſten unter ihnen waren:) Bernhard von Clairvaux(Vgl.§. 32, a), geſtorben 11533 5) Johann Tauler, Dominikaner und evangeliſch geſiunter Volksprediger in Straßburg, geſtorben 1361;) Johann Nuysbroek, Mönch in Grünthal bei Brüſſel, geſtorben 1387; 3) Thomas von empen (Vgl.§. 32, e), Auguſtiner Chorherr auf dem Agneienberg bei Zwoil, Verfaſſer des Buches Von der Nachfolge Fhofff(e⸗ zmnitacone Christi);*) Der Verfaſſer des Buches Deutſche Theologie, welches auf Luther tiefen

indruck machte.