Druckschrift 
2 (1879)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

3) Die Bekehrung der Sachſen unter Karl dem Großen verlieh der von Bonifatius neu gegründeten deutſchen Kirche erſt die rechte Sicherheit. Unter den großartigen Kämpfen und Unter⸗ nehmungen, zu welchen Karl durch die geſchichtliche Nothwendigkeit gezwungen wurde und welche er ohne Verletzung ſeiner höchſten Regentenpflichten nicht unterlaſſen durfte, hatte die Unterwerfung der Sachſen für das fränkiſche Reich und für die deutſche Kirche die größte Wichtigkeit. Der tapfere, ſtolze und mächtige Stamm der Sackſen, durch Sprache, Religion und Sitte eng verbunden mit den Dänen, Normannen und Schweden, war wie ein Keil in das fränkiſche Reich eingeſchoben und ließ die Kirche in Friesland, Heſſen und Thüringen nie zur Ruhe kommen. Verbrannte Gottes⸗ häuſer und Klöſter und erſchlagene chriſtliche Prieſter bezeichneten faſt 200 Jahre lang den Weg der ſächſiſchen Raubzüge in dieſen Ländern und am Rhein. Das nordiſche Heidenthum, welchem ſie fanatiſch ergeben waren, konnte beim gleichzeitigen Andringen der Slaven, Avaren und Ungarn von Oſten und der Araber von Süden den Beſtand der Kirche in Mittel⸗Europa überhaupt gefährden. Dieſe Gefahr wurde aber durch die Unterwerfung und Bekehruung der Sachſen für immer beſeitigt; die Altäre Odins wurden ſeitdem zwiſchen Rhein und Elbe gebrochen; in Pader⸗ born, Münſter, Verden, Minden, Osnabrück und Bremen wurden Bisthümer errichtet; alle germaniſchen Stämme auf deutſchem Boden aber wurden hierdurch unter denſelben heilſamen Ein⸗ fluß des Chriſtenthums geſtellt. Denn dem großen König war es nicht genug, den Beſtand der Kirche nach außen zu ſichern, ſondern er ſuchte ſie auch nach Kräften in ihrem innern Leben zu fördern. Er gründete Gelehrtenſchulen, machte den Biſchöfen das Predigen zur Pflicht, ließ eine Sammlung guter Predigten an die Prieſter zum Vorleſen vertheilen, erbaute eine Menge neuer Kirchen, ſuchte den Kirchengeſang durch italieniſche Saͤnger zu heben, und bemühte ſich gegenüber dem zunehmenden und von den Päpſten begünſtigten Aberglauben des Bilderdienſtes den geiſtigen Charakter des chriſtlichen Gottesdienſtes durch Reichsſynoden zu wahren. Seine höchſten Ideale über Bildung des geiſtlichen Standes und über Verkündigung des Wortes Gottes in der Volks⸗ ſprache wurden jedoch erſt in der Reformation des 16. Jahrhunderts verwirklicht.

3) Die Anfänge des Chriſtenthums in Dänemark, Schweden und Norwegen beruhten auf der Miſſionsthäugkeit des Ansgar, Erzbiſchofs von Bremen und Hamburg(geb. 804, geſt. 865).

Früh verwaiſt und als Kind ſchon dem Himmel zugewendet, vertiefte ſich Ansgar(d. h. Gottlieb) auf der Kloſterſchule zu Corvey in der Pikardie in die Schriften Auguſtins, unterrichtete ſchon als Jüngling die Kloſter⸗ Schüter und half 8236 in dem neu gegründeten Kloſter Corvey an der Weſer durch Predigt in der Landesſprache das Volk zu Chriſto führen. Wegen ſeiner Frömmigkeit und hohen Begabung wurde er dann als Miſſionar nach Holſtein, Jütland, Seeland und Schweden geſandt und ſeit 831 zuu erſten Erzbiſchof von Hamburg und zum päpſtlichen Legaten für den Norden und für die Slaven erhoben. Von Bremen aus, wohin 848 ſein Sitz verlegt wurde, erreichte er durch die größte Bedürfnißloſigkeit, Nächſtenliebe und Opferfreudigkeit, gleichſam ein zweiter Martin von Tours(Vgl.§. 20, 1), die feſte Begründung der Kirche in Holſtein und Schleswig und die erſte Anknüpfung derſelben in Jütland, Seeland, Schweden und Norwegen. In Folge deſſen wurde es möglich, daß Olav Schooßkönig in Schweden 1008, Olav Trygwäſon in Norwegen und Island um 1000, Kanut der Große in Däne⸗ mark 1027 unter Verbindung mit Bremen⸗Hamburg das Chriſtenthum einführen konnten. Erſt 1104 wurde dieſe kiſchliche Verbindung des Nordens mit Bremen⸗Hamburg durch papſtliche Eiferſucht gelöſt und ein ſelbſtſtändiges Erz⸗ bisthum Lund gegründet.

4) Die Bekehrung der übrigen europäiſchen Völker und der Eintritt derſelben in die katholiſche Kirche des Abendlandes erfolgte allmählig im Laufe des Niittelalters; alle dieſe Völker hatten jedoch für die Geſchichte der lateiniſchen Kirche und für die Entwickelung der chriſtlichen Bildung bei weitem keine ſo große Bedeutung als die romaniſchen und germaniſchen Nationen, da ſie nur ſehr langſam an dem geſammten geiſtigen Leben des Abendlandes theilnehmen konnten.

a) Von den flaviſchen Völkern ſchloſſen ſich de Mähren 908, die Böhmen 967 an die römiſche Kirche an, nachdem ſie früher durch Methodius und Cvrillus ſchon einmal für ein mehr nationales Chriſtenthum gewonnen waren; die Wenden zwiſchen Saale und Oder mußten unter Heinrich I, Otto J. und Heinrich dem Löwen katholiſche Chriſten werden; durch die Stiftung des Erzbisthums Magdeburg unter Otto I., durch deutſche Koloniſten aus Sachſen, Weſtphalen, Friesland und vom Rhein und durch die Orden der Prämonſtratenſer und Ciſtertienſer wurden ſie bei der Kirche feſtgehalten; die Pommern traten friedlich über, als ihnen Otto von Bamberg 1024 28 das Evangelium predigte, und wurden durch Koloniſten und Ciſtertienſer germaniſiert; das Herzogthum Polen wurde von Deutſchland aus ſeit 966 mit der Kirche verknüpft(Erzbisthum Gneſen); die Preußen wurden 1226 83 durch den deutſchen Orden zum Chriſtenthum gezwungen; ihre Biſchöfe in Culm, Pomeſanien, Ermland und Samland ſtanden unter dem Hochmeiſter in Marienvburg; ähnlich ging es den Eſthländern ſeit 1211 durch die Schwertbrüder und den Lithauern ſeit 1386 durch Großfürſt Jagello; die Livländer und Finnen traten im 12, die Lappländer im 14. Jahrhundert über.

b) Die Ungarn, durch Biſchof Piligrin von Paſſan zuerſt miſſionirt, wurden durch Stephan den Heiligen (997 1038) mit Rom in Verbindung geſetzt; jede Grafſchaft(Comitat) erhielt einen Biſchof; der Erzbiſchof von Gran wurde Primas des ganzen Landes und ſtand unmittelbar unter dem Papſt.