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1 (1878)
Entstehung
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Verfolgungen, wo es ohnehin klüger ſchien freiwillig auf Alles zu verzichten als es ſich erſt durch Gewalt entreißen zu laſſen(Vergl.§. 7. 8. 10), bereits ſeit dem zweiten Jahrhundert jene werk⸗ heilige, cärimonielle Richtung, welche ſich in den katholiſchen Abthrilungen der Chriſtenheit bis dieſen Tag behauptet hat und nur bei den evangeliſchen Chriſten ſeit der Reformazion wieder beſeitigt iſt. Der Glaube, welcher im Neuen Teſtament ein herzliches Vertrauen und eine Hingabe an den Herrn iſt, wurde dabei ein bloßes Fürwahrhalten der kirchlichen Lehre. Der Herr Jeſus Chriſtus Selbſt aber, welcher gekommen iſt, die Menſchen aus der Knechtſchaft der Sünde und von den Schrecken des Geſetzes zu erlöſen, wurde mehr und mehr als ein heiliger Geſetzgeber vorgeſtellt, als ein neuteſtamentlicher Moſes, deſſen Wohlgefallen durch gehorſame Erfüllung der kirchlichen Gebote verdient werden mußte. Ein chriſt'iches Cärimonialgeſetz trat an die Stelle des jüdiſchen.

a) Eine der erſten Spuren dieſer Nichtung zeigt ſich in der geſetzlichen Einführung des Faſtens in der ganzen Kirche. Als unwillkürlicher Ausdruck tiefſter Gemüthsbewegung in Schmerz, Arbeit oder Freude findet ſich das Faſten gelegentlich bei allen Menſchen. Als abſichtlicher, doch meiſt freiwilliger, ſelten durch die Religion vorgeſchriebener Ausdruck des Sündenſchmerzes und der andächtigen Gebetsſtimmung wurde es ſowohl von den Heiden als von den Juden häufig geübt. Nur einmal im Jahre, am großen Verſöhnungstage, mußte ganz Israel geſetzlich faſten. Doch artete das Faſten ſchon bei den Israeliten häufig in Werkheiligkeit aus, indem die leibliche Kaſteiung als ſolche ein Verdienſt vor Gott begründen und die innere Buße erſetzen ſollte(Jeſ. 58, 3 7). Denſelben Mißbrauch des Faſtens mußte der Herr Jeſus bei den Phariſäern bekämpfen(Matth. 6, 15 18. Vgl.§. 1, 5) und ſeine Jünger davor warnen. Beim Heiland ſelbſt finden wir nur ein einziges Faſten, als Er unmittelbar nach Seiner Taufe, getrieben von der Fülle des Geiſtes und im Gebetsumgang mit Gott unter vierzigtägiger Enthaltung von Speiſe und Pank Sich für die Verſuchung vorbereitete. Auch von den Jüngern forderte Er es nicht, ſondern ſtellte es ihnen frei; nur machte Er zur Bedingung alles Faſtens, daß es kein verdienſtliches Werk ſein dürfte, ſondern aufrichtiger Ausdruck der Herzensſtimmung(Buße, Andacht; Matth. 6, 1618. 17, 21). Nach der Himmelfahrt des Herrn faſteten die Jünger öfters, wie es ihnen von Ihm Selbſt vorhergeſagt war(Matth. 9, 15), beſonders bei wichtigen Unternehmungen (A. G. 13, 2 3); das Faſten war dann ſtets freiwillig und diente zur Vertiefung des Gebets, niemals aber galt es als an ſich verdieuſtlich oder heilſam; überhaupt wurde ihm nur wenig Nutzen beigelegt(1 Tim. 4, 8), da ja das Reich Gottes nicht auf Eſſen und Trinken beruht, ſondern auf Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geiſt (Röm. 14, 17. Ebr. 13, 9). Dagegen um ſo entſchiedener wurde bei allen Chriſten auf die Mäßigkeit und Nüchtern- heit zum Gebet gedrungen(1 Petr. 1, 13. 4, 8). Trotz alledem wurde das regelmäßige Faſten ſchon ſeit dem zweiten Jahrhundert als nothwendige Form des chriſtlichen Lebens gefordert und geübt. Die morgenländiſche Kirche faſiete damals ſchon jeden Mittwoch und Freitag zum Gedächtniß des Leidens Chriſti bis Nachmittags 3 Uhr (dies stationum); die römiſche faſteten jeden Sabbath; in der Zeit vor Qſtern wurde bald ein längeres bald ein kürzeres Faſten vorgeſchrieben, bis man bei 40 Tagen, der ſpäteren Faſtenzeit, ſtehen blieb. Zugleich wurde auf dieſes Faſten ſchon ein ſolches Gewicht gelegt, daß wegen der verſchiedenen Berechnung des Oſterfeſtes und ſomit der Faſtenzeit beinahe eine Spaltung der römiſchen und kleinaſiati chen Kirche entſtanden wäre.

b) Ganz ähnlich erging es mit der Einführung der Wallfahrten und Pilgerreiſen ſeit dem dritten Jahrhundert, beſonders ſeit Conſtantin dem Gr. und ſeiner Mutter Helena. Sie war eine Erneuerung altteſtamentlicher und heidniſcher Gewohnheiten in der Kirche und bezeichnete einen Nückſchritt im Ver⸗ ſtändniß des Evangeliums. Zwar hatte der Herr im Gehorſam gegen das Geſetz(Gal. 4, 45) die jüdiſchen Feſte im Tempel zu Jeruſalem mitgefeiert; auch Seine Jünger, zumal Paulus, hatten dies nach Seinem Vorbild bei⸗ behalten; allein ausdrücklich hatte der Heiland für die Zeit des Neuen Teſtaments(Joh. 4, 19 24) das Anbeten an beſondern Ortern für unnöthig erklärt und zugleich den Seinen verheißen, daß Er an jedem Ort, wo Zwei oder Drei in Seinem Namen zuſammen kämen, mitten unter ihnen ſein werde(Matth. 18, 19 20). Demgemäß hatte auch Keiner der Jünger etwa in Bethlehem oder Nazareth oder auf Golgatha beſondere Andacht geſucht und die ganze apoſtoliſche Zeit hatte von Wallfahrten dorthin nichts gewußt. Erſt nachdem im zweiten und dritten Jahrhundert eine Menge von Keiden in die Kirche eingetreten war, erwachte aus ihrer Mitte das Verlangen, nach Jeruſalem zu wallfahrten, welches ſich ſehr bald ausbreitete. Wie die Heiden früher die Heiligthuͤmer ihrer nationalen Götter beſucht hatten, ſo zogen ſie jetzt als Chriſten nach den heiligen Orten Paläſtinas. Kaiſer Conſtantin und ſeine Mutter Helena gaben ſelbſt das Beiſpiel dazu; Conſtantin erbaute die prächtige Grabeskirche; Helena meinte auf Golgatha das Kreuz des Herrn gefunden zu haben und ließ ſich im Jordan taufen. Seitdem gingen die Pilger ſchaarenweiſe hin und hielten dieſe Fahrten für heilbringend und verdienſtlich, beſonders wenn es ihnen gelang, auch von dem angeblichen Kreuz des Herrn ein Stückchen heimzubringen.

c) Denn auch der Religuiendienſt entwickelte ſich in dieſer Zeit mächtig im Zuſammenhang mit der Verehrung der Heiligen und Märtyrer. Im Neuen Teſtament wurden die Heiligen, welche beſonders von Gott begnadigt waren, wie Maria, oder welche als Märtyrer ſtarben, wie Stephanus und Jakobus der Aeltere, weder andächtig verehrt noch um ihre Fürbitte angerufen. Alle Gebete und Anrufungen wurden an Gott den Vater und den Sohn gerichtet, weil dieſe allein allgegenwärtig, allwiſſend, allmächtig und barmherzig ſind(Matth 4, 10. 11, 28. Joh. 5, 23. 2 Cor. 12, 8. 1 Tim 2, 5 6. Matth. 28, 18). Selbſt die Anrufung der Engel wurde abgelehnt (Offenb. Joh. 19, 10). Der Umſchwung zum Heiligen⸗ und Reliquien⸗Dienſt trat in den Zeiten der Ver⸗ folgungen ein. Schon lebenden Confeſſoren, d. i Bekennern, welche in der Verfolgung mit dem Bekenntniß des Glaubens davon gekommen waren, erwies man hohe Ehre; doch eine viele größere den wirklichen Märtyrern. Ihre Gräber wurden ſehr bald Wallfahrtsörter; man legte nach heidniſcher Sitte Todtenopfer und Votivtafeln darauf nieder; man ſchmückte ſie mit Altären, Kapellen und Kirchen; man betete Anfangs zwar noch für ihre Seelen, aber ſeit dem 4. Jahrhundert hörte dies auf und man begann ſie ſelber, wie auch die übrigen Heiligen, um ihre Fürbitte anzurufen.