26
ſchieden ſie dabei genau die Offenbarungen des Herrn von ihren eignen Gedanken(1 Kor. 7, 6; 7, 10; 7, 25) und verkündigten denen Gottes Gericht, welche an der überlieferten Offenbarung ändern würden(Gal. 1, 8. O. Joh. 22, 18— 19. 2 Tim. 3, 14:c.)
3) Da den Apoſteln vom Herrn nicht befohlen war, ihr beſonderes apoſtoliſches, bloß für die erſte Ausbreitung und Leitung der Kirche geſtiftetes Amt noch auf andere Chriſten zu übertragen, ſo lag ihnen für den Fall des Bedürfniſſes uur ob, die Fortführung des der Kirche übertragenen neuteſtamentlichen Amtes durch geeignete Perſonen zu ſichern. Auf Antrieb des heiligen Geiſtes und im Anſchluß an die Einrichtungen der jüdiſchen Synagogengemeinden ſetzten ſie deßhalb in den Gemeinden Presbyter oder Aelteſte, auch Biſchöfe, Hirten und Lehrer genannt, ein(Vgl.§. 6, 6. 7, 7. 9, 3), ſandten zur Reiſepredigt Evangeliſten aus und gründeten zur Armenpflege den Diakonat.
4) Die Aufgabe, welche hiernach den Aelteſten,(bzw. Biſchöfen, Hirten und Lehrern), ſowie den Evangeliſten in Abweſenheit der Apoſtel oder nach deren Tode zufiel, war lediglich die weitere
Ausbreitung des Heils durch treue und gewiſſenhafte Fortführung des neuteſtamentlichen Amtes, wie es ihnen von den Apoſteln überkommen war(A. G. 20, 27— 31. 1 Tim. 1, 3— 4. 4, 6; 4, 16; 6, 3— 4; 6, 20 u. ſ. w.). Sie waren nicht berechtigt, irgend etwas hinzuzuthun oder abzuthun, ſondern verbunden, ſich durchaus an die mündlichen und ſchriftlichen Mittheilungen der Apoſtel zu halten. Hieraus folgte aber mit Nothwendigkeit, daß ſie insbeſondere die ſchriftlichen Aufzeichnungen der Apoſtel, weil dieſe ſtets ſicherer waren als die bloße Erinnerung an das gehörte Wort, ſowohl perſönlich fleißig ſtudiren als auch in die Hände der Gemeindeglieder geben und im Gottesdienſt benutzen mußten(Kol. 4, 16).
5) Allein hier begingen die Nachfolger der Apoſtel und noch mehr der Apoſtelſchüler einen Fehler, welcher für die weitere evangeliſche Entwickelung der Kirche von den nachtheiligſten Folgen war. Während ſie nämlich, wie man aus ihren Schriften ſieht, die Werke der Apoſtel und Evangeliſten recht wohl kannten, auch aufs höchſte ſchätzten, verſäumten ſie doch die rechte Benutzung derſelden in hohem Maße. Alltzuſehr verließen ſie ſich auf die eigne Erinnerung an das gehörte Wort und gewöhnten dem entſprechend auch die Gemeinden daran, blindlings auf das bloße Wort der Verkündigung hin zu glauben und zu handeln. Als die vermeintlichen Träger der Tradition ſetzten ſie ſich unberechtigter Weiſe an die Stelle der Apoſtel, ja des Herrn Chriſtus ſelbſt. So that z. B. ſchon in gutem Glauben der Biſchof und Märtyrer Ignatius von Antiochien.
6) Da nun das Anſehen der Biſchöfe durch die Verfolgung gerade in jenen Zeiten auch
ſonſt ſchon wuchs(Vergl.§. 9, 3), ſo war deſto weniger aus dieſem Fehler herauszukommen, dagegen war eine Umbildung des chriſtlichen neuteſtamentlichen Amtes in eine altteſtamentlich gedachte Hierarchie um ſo leichter möglich, weil beſonders das Alte Teſtament im Gottesdienſt geleſen und auf die Verhältniſſe der Chriſtenheit angewendet wurde. Es lag daher nahe, die bereits ſo hach hinaufegrückte Geiſtlichkeit der Kirche als die neuteſtamentliche Vollendung des altteſtamentlichen Prieſterthums anzuſehen. Um das Jahr 250, die Zeit der Decianiſchen Ver⸗ folgung, war dies ſchon allgemein üblich. Der Biſchof galt als Prieſter, der Diakon als Levit. Man nannte der Biſchof Patriarch(Erzvater) und Papa, Vater(Vergl.§. 9.)
7) Indem man überſah, daß die altteſtamentlichen Opfer durch das Opfer des Herrn in Ewigkeit vollendet ſind, begann man nach obiger Anſchauung den Biſchöfen auch Opferhandlungen altteſtamentlichen Charakters zuzuſchreiben. Allerdings geſchah dies noch nicht im zweiten Jahrhundert. Man hatte damals noch das Bewußtſein, daß das Opfer im Abendmahl lediglich ein neuteſtamentliches Dankopfer(Vgl.§. 5, 2) war, verbunden mit der Herzenshingabe an den Herrn im Gebet. Aber ſeit dem dritten und vierten Jahrhundert wendete man dies im Gedanken an den Opfertod Chriſti ſo, daß man annahm, der gekreuzigte Leib des Herrn werde vom Prieſter Gott zum Opfer dargebracht; der Begriff des Dankopfers floß in den des Sühnopfers über, ohne daß man ſich des darin liegenden Widerſpruchs gegen das ganze Neue Teſtament bewußt wurde. Die ſpätere Lehre von der Brodverwandlung aber war hiermit vorbereitet und die mittleriſche Stellung des katholiſchen Prieſterthums angebahnt....
8) Alledem entſprechend machte man auch einen hierarchiſchen Unterſchied von Klerus und Laien, von Prieſterthum und Gemeinde. Während im Neuen Teſtament noch die ganze Gemeinde
mit Einſchluß der Apoſtel als„das auserwählte Geſchlecht, das königliche Prieſterthum(keodrewuc, sacerdotium), das heilige Volk, das Volk des Eigenthums“ bezeichnet wurde, trennte man nunmehr die Geiſtlichkeit als Klerus(2σ, clerus, Loos, Eigenthum), d. h. als beſonderes Eigenthum Gottes und als Prieſterſchaft(ksoeus, sacerdos, ksoονν, sacerdotium), von den Laien(9,


