Druckschrift 
1 (1878)
Entstehung
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Vater, der ſich eben hatte taufen laſſen, einem frühen Tode erlegen war, konnte die Mutter den Feuergeiſt des Sohnes nicht mehr zügeln. Das Wort Gottes, womit ſie ihn zu leiten ſuchte, fand in ſeinem Herzen keinen Widerhall mehr. Auf der hohen Schule zu Karthago, wo er die römiſche Literatur und Redekunſt ſtudirte, gerieth er durch leichtfertige Genoſſen in ſinnliche Ausſchweifungen. Er fühlte ſich in denſelben zwar nicht glücklich, aber er blieb von ihnen gebunden für viele Jahre, ja ſie ließen in ſeiner Seele auch nach der ſpäteren Bekehrung für immer einen dunkeln Flecken zurück. Aus der elenden Knechtſchaft ſeiner Lüſte wurde er zuerſt wieder etwas erweckt durch Ciceros beredte Worte vom Werthe der Philoſophie. Er fing an, nach einer ewigen Wahrheit zu ſuchen. Die Manichäer(Vgl.§. 9, d), welche die großen Gegenſätze des Lebens, Gut und Böſe, Gewiſſen und Sünde, Freude und Schmerz, Leben und Tod, Licht und Finſterniß durch Annahme zweier Gottheiten, einer guten und einer böſen, erklären wollten und einem Jeden, der ſich ihnen anſchloß, vollkommene Wahrheit und Erlöſung verſprachen, wußten ihn in ihre Kreiſe zu ziehen. Als ſein ſcharfer Verſtand ihm die Lücken und Täuſchungen ihrer Lehren enthüllte, verzweifelte er jedoch an aller Wahrheit. Die Schriften der akademiſchen Philoſophen oder Skeptiker, welche die Möglichkeit jeder wahren Erkenntniß leugneten, beſtärkten ihn dieſer troſtloſen Meinung; das ganze Leben erſchien ihm nichtig und ziellos.

3) Nach einem vergeblichen Verſuch, ſich in Rem als Lehrer der Beredtſamkeit eine geſicherte Stellung zu ſchaffen, folgte er einem Rufe nach Mailand, wohin auch die Mutter ihm nachzog. Hier ging ihm ein neues Leben durch das Studium der platoniſchen Philoſophie auf. Er fing wieder an, an die Wahrheit und an die Möglichkeit ihrer Erkenntniß zu glauben. Durch den Ruf des berühmten Erzbiſchofs Ambroſius von Mailand angezogen, hörte er deſſen Predigten. Was Platon ihm verhieß, fand er nun im Evangelium, die Liebe des Gottes, der Schöpfer und Erlöſer der Welt iſt. Das Wort Gottes wurde ihm als Urkunde der Offenbarung bezeugt; er forſchie und ſuchte darin. Furchtbar ging ihm aus den Schriften Pauli ſeine Sünde auf; tiefe Sehnſucht nach Gott geweihtem Leben ergriff ihn; die Gebete der Mutter, welche ihn auf allen ſeinen Wegen begleitet hatten, vereinigten ſich mit ſeinen eigenen; Unterredungen mit chriſtlichen Freunden trieben ihn zur Entſcheidung Da vernahm er eines Tages, als er in Thränen und Gebet vor Gott ſein Herz ausſchüttete, eine Stimme: Nimm und lies! Er ſchlug die Pauliniſchen Briefe, die auf der Gartenbank lagen, auf; ſein Blick fiel auf die Worte Röm. 13, 13 14: Nicht im Freſſen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid; ſondern ziehet an den Herrn Jeſum Chriſtum! Da fühlte er, daß der Wendepunkt in ſeinem Leben gekommen war, und wurde Chriſt. In der Öſternacht 38 wurde er von Ambroſius getauft. Von dem Vorbild der ägyptiſchen Mönche, die der Welt gänzlich zu entſagen ſchienen, ergriffen, gab er nun ſeine Stellung in Mailand auf und zog ſich mit gleichgeſinnten Freunden nach Hippo in Nordafrika zurück, um in ſtiller Gemeinſchaft mit ihnen dem Gebet und dem Worte Gottes zu leben. Aber ſeine großen Gaben blieben nicht verborgen; der alte Biſchof Valerius weihte ihn 391 zum Presbyter, 395 zu ſeinem Mitbiſchof. In dieſem Amte blieb er bis zu ſeinem Tode am 28. Auguſt 430 während der Belagerung Hippos durch die Vandalen. Sein Leben gehörte ganz der Kirche. In klöſterlicher Gemeinſchaft mit den Geiſtlichen von Hippo, unter einer umfaſſenden literariſchen Thätigkeit, auf zahlloſen Reiſen, in Verhandlungen mit Sektirern und Glaubensgenoſſen floß es bin. Die Grundſtimmung aber, welche ihn bis zum letzten Athemzug erfüllte, war Dank und Liebe gegen Gott, daß er Sich ſeiner erbarmt hatte. Gottes Gnade allein hatte ihn aus ſeinen Sünden und Irrthuͤmern gerettet, Chriſti Verdienſt ihn gerecht gemacht; ſeinem eignen Thun hatte er nur Elend, Schuld und Verlorenheit zu verdanken, der Gnade Gottes Leben, Friede und Seligket. Tiefer als irgend ein Kirchenlehrer ſeit Pauli Zeiten hatte er dies empfunden; klarer und entſchiedener als irgend einer konnte er es der Kirche ins Gedächtniß rufen und er that dies im pelagianiſchen Streit mit entſcheidendem Erfolg.

4) Morgan Pelagius, ein Mönch oder Asket aus Brittanien, welcher ſeit 409 in Rom, 411 in Karthago,

ausgeſchloſſen und auch deſſen Nachfolger Zoſimus, der ihm 417 zuerſt recht gegeben, im J. 418 dieſe Ausſchließung wiederholt hatte, wurde Pelagius mit allen ſeinen Anhängern vertrieben und auf der dritten allgemeinen Kirchen⸗ verſammlung zu Epheſus im J 431 von der ganzen Kirche verworfen.

.5) WMit Recht hatte Auguſtin hervorgehoben, daß durch die Lehre des Pelagius das ganze Erlöſungswerk Jeſu Chriſti in Frage geſtellt und überflüſſig gemacht werde. Mit Recht hatte er die Unfahigkeit der Menſchen zum wahrhaft Guten, die unermeßliche Schuld der Sünde und die

Freiheit und Verantwortlichkeit verhalte, nicht anders als durch die Lehre von der ewigen Prädeſti⸗ nation der Einen zum Leben, der Anderen zur Verdammniß herauszuhelfen wußte, wenn er demgemäß nicht nur die Buße und Bekehrung der Einen, ſondern auch die Unbußfertigkeit und Verſtockung der Andern lediglich als Folge des unbedingten und unerforſchlichen Rathſchluſſes Gottes anſah, welchem gegenüber die menſchliche Freiheit und Selbſtbeſtimmung in ſeinen Augen gänzlich verſchwand oder zu einer Selbſttänſchung herabſank, ſo überſah er hierbei einmal, daß die heilige Schrift