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Fünfter Abſchnitt.
Die tiefere Erkenntniß der Kirche von Chriſti Perſon und Werk durch den arianiſchen und pelagianiſchen Streit(315— 418). §. 15. Die kirchliche Feſtſtellung der Gottheit Jeſu Chriſti im arianiſchen Streit (315— 381. 388).
1) Das wunderbare gottmenſchliche Weſen Jeſu Chriſti, welches einſt von den Apoſteln anbetend geſchaut und durch ſie der Chriſtenheit in Wort und Schrift bezeugt war(Vgl.§. 3), hatte ſeit dem großen Bekenntniß Petri (Matth. 16, 16. Joh. 6, 68—69) in der Gemeinde des Herrn ſelbſt niemals einen Widerſpruch erfahren, ſondern war in ſchlichtem Glauben von Geſchlecht zu Geſchlecht verkündigt, unter Verfolgungen und Todesnöthen freudig bekannt, in allen Lebenslagen als der Grund der Erlöſung und Beſeligung mit Dank und Preis empfunden worden(Vgl.§. 8, 1). Mit klarem Bewußtſein hatte die Kirche einerſeits die wirkliche Menſchheit des Herrn gegenüber den Gynoſtikern, andererſeits deſſen wahrhaftige Gottheit gegenüber den Juden und Sektirern behauptet und vertheidigt. Beides hatte deßhalb auch ſchon Ende des erſten und Anfang des zweiten Jahrhunderts ſeinen apoſtoliſchen Ausdruck im Tauf— bekenntniß gefunden und im Weſentlichen den zweiten Artikel deſſelben gebildet(Vgl.§. 7, 8). Auch ließ ſich nicht leugnen, daß hiermit dem Bedürfniß der chriſtlichen Frömmigkeit für Bekenntniß, Dank und Anbetung zunächſt in ächt bibliſcher Weiſe genügt war.
2) Anders verhielt es ſich dagegen mit dem Bedürfniß der chriſtlichen Erkenntniß. Wenn auch jeder denkende Chriſt von vorn herein zugab, daß in der Gottmenſchheit des Erlöſers ein unergründliches Geheimniß vorlag, welches nicht durch die Vernunft erklärt, ſondern durch den kindlichen Glauben ins Herz aufgenommen werden wollte, ſo kam es doch der chriſtlichen Erkenntniß gerade darauf an, das eigentliche Weſen und den Inhalt dieſes Geheimniſſes auf Grund der heiligen Schrift ſo genau als möglich zu erforſchen und für Predigt und Unterricht feſtzuſtellen. Unabweisbar dräugten ſich die Fragen auf, ob der Heiland in demſelben Sinne Gott
enannt werde, wie Gott der Vater? Oder vielleicht in einem andern? In welchem Verhältniß Er zum
ater ſtehe? Ob er von Ewigkeit her Gott geweſen oder es erſt geworden ſei? Beſonders der griechiſchen Chriſtenheil, welche von jeher gewöhnt war, die göttlichen Dinge in philoſophiſcher Weiſe, d. h. mit dem denkenden Verſtande zu behandeln, brannten dieſe Fragen auf der Seele. Eine kirchliche Entſcheidung derſelben, ſoweit ſie aus der Schrift möglich war, konnte daher auf die Dauer nicht vermieden werden. Andrerſeits konnte aber auch bei der Beſtimmthiit, mit welcher ſich die heil. Schrift in einzelnen Stellen über dieſen Gegenſtand ausſpricht, die ſchließliche Entſcheidung der Kirche für die ewige Gottheit und für die Weſensgleichheit des Sohnes mit dem Vater um ſo weniger zweifelhaft ſein, als ja die unbedingte Wahrheit der neuteſtamentlichen Offenbarung und die Wirklichkeit des geſchehenen Erlöſungswerks nur in der wahrhaftigen und ewigen Gottheit des Menſchenſohnes ihren Halt hat. Doch nicht ohne lange und ſchmerzliche Kämpfe rang ſich die Chriſtenheit zu dieſer Entſcheidung durch. Zwei volle Menſchenalter dauerte der arianiſche Streit, immer von Neuem angefacht durch den Irrthum, Unverſtand und Unglauben der Einen wie durch den Neid oder durch den politiſch— kirchlichen Haß der Andern, bis Theodoſins der Große und Valentinian II. der Erneuerung deſſelben zum Heil des Reichs und der Kirche ein Ziel ſetzten.
3) Arius, ein gelehrter Presbyter zu Alexandrien behauptete um 318 gegen den Erzbiſchof Alexander, welcher die Weſensgleichheit des Sohnes mit dem Vater lehrte, in einer Streitſchrift die Sätze a) der Sohn ſei nicht von Ewigkeit her Gott, ſondern es erſt geworden b) Er ſei mit dem Vater nicht gleichen Weſens, ſondern von ihm verſchieden c) Es habe eine Zeit gegeben, wo Er noch nicht vorhanden war, und er ſei erſt vom Vater geſchaffen worden d) dieſe Schöpfung des Sohnes habe vor Gründung der Welt ſtattgefunden e) Alle andere Creaturen ſeien dann durch den Sohn geſchaffen 4) der Sohn ſelbſt ſei vom Vater zu Gott gemacht worden. Wegen dieſer Lehren wurde Arius 321 ſeines Amtes entſetzt. Da jedoch hierüber ein Streit ausbrach der Kirche und Reich zu zerreißen drohte(Brgl.§. 10, 3. 12, 1), ſo berief Conſtantin der Gr. zur Beilegung deſſelben im J. 325 die erſte allgemeine Kirchenverſammlung nach Nicäa, in welcher er ſelbſt den Vorſitz führte. Unter dem Einfluß des jungen, aber geiſtesmächtigen Athanaſius, des Vaters der Rechtgläubigkeit und ſpäteren Erzbiſchofs von Alexandrien erklärten die Biſchöfe des Concils im Niceniſchen Glaubensbekenntniß(Symbolum Nicenum), daß der Sohn mit dem Vater gleiches Weſens(6 G⁴ο QQ?‧, consubstantialis) ſei. Arius wurde nach Illyrien verbannt und von der Kirche ausgeſchloſſen. Als er im J. 335 nach erfolgter Sinnesänderung Conſtantins und nach den Beſchlüſſen der Synode zu Tyrus wieder in die Kirche aufgenommen werden ſollte, ſtarb er zu Conſtantinopel, ohne die Wiederaufnahme erreicht zu haben, eines elenden Todes(336).


