Druckschrift 
1 (1878)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

dieſem Gedanken, aber er wurde ihn nicht wieder los. Um ihn los zu werden, verdoppelte er ſeinen Eifer gegen die Chriſten. Es genügte ihm nicht mehr die Gemeinde in Jeruſalem zerſprengt

zu haben; er wollte ſie auch in Damastus zerſtören(A. G. 9, 2). In tiefer Erregung eilte er.

dorthin; er meinte wohl, es müßte ihm geliug: der Gott Israels müßte ihm zur Ruhe helfen. Denn der bohrende Zweifel hüllte ſeine Seele in dunkle Nacht; ſeine ganze bisherige innere Welt wankte ihm unter den Füßen; ſchrecklich lag die Zukunft bei ſolcher Ungewißheit vor ihm.

3) Da erbarmte Sich ſeiner der Herr, der ihm den Stachel der Unruhe ins Herz geworfen hatte. Durch Seine wunderbare Erſcheinung vor Damaskus erwies Er Sich ihm als den Auf⸗ erſtandenen; mit gebrochenem Herzen zwar ſank Saulus vor ſeinem Herrn in den Staub, aber er wurde auch von der Stunde an ein anderer Menſch(A. G. 9, 38). Nach drei ſchmerzlichen Tagen und Nächten der Buße rief ihn der Heiland durch Ananias zum Licht der Gnade empor; in den Fluthen der Taufwelle gingen ſeine Sünden unter, als ein Apoſtel Jeſu Chriſti, als ein Verkündiger der freien Gnade trat er in die Mitte der Chriſten und der Juden. Mit ſeliger Freude konnte er bezeugen, daß auch er, der im Geſetz vergeblich nach Frieden mit Gott geſucht, der den Namen Jeſu Chriſti aus Unverſtand geläſtert und verfolgt hatte, im Blute ſeines Heilandes zur Vergebung aller Sünden und zur Kindſchaft Gottes gekommen war(Röm. 5, 1. 8, 1416).

4) Gerecht aus Gnaden, ohne alle Werke des Geſetzes, allein durch die Gerechtigkeit und den Tod Jeſu Chriſti, lediglich durch deu Glauben, der ſich dem Herrn mit voller Zuverſicht hingibt, das war ſeitdem der gottgegebene Grundton ſeines Lebens(Röm. 3, 24 25. 3, 28. 10, 10. Gal. 3, 11. Eph. 2, 8 9. A. G. 13, 39). Klarer, gewaltiger und tiefer als irgend ein anderer Jünger hatte er dieſe Wahrheit durchleben müſſen, damit er in alle Zukunft der Lehrer der Menſchheit in dieſem Hauptſtück des Evangeliums ſein könnte. In dreizehn Briefen bezeugte er darum auch dieſe Wahrheit der Chriſtenheit. Und ſo oft irgendwo im Lauf der Jahrhunderte nach Zeiten des Verfalls eine Erneuerung oder eine hohere Entwickelung des chriſtlichen Lebens eintrat, ſo oft hatten die bahnbrechenden und reformatoriſchen Geiſter auch jedesmal vorher im Ge ehuns empfunden vom Herzſchlag des Weltapoſtels, von der freien Gnade Gottes in

hriſto Jeſu.

5) Gleich in den Tagen nach ſeiner Bekehrung wurde Saulus zum Apoſtel der Heiden ausdrücklich vom Herrn berufen,(A. G. 9, 15. 26, 15 18. Gal. 1, 1). Doch erſt nach einer dreijährigen Zuruͤckgezogenheit in Arabien, welche ihm zur innern Sammlung und Kräftigung dienen ſollte, wurde er durch Barnabas in die Gemeinde eingeführt, welche die Trägerin ſeiner Miſſionsthätigkeit werden ſollte(Vergl.§. 5, 3. A. G. 11, 25 26), nämlich die zu Antiochien. Durch chriſtliche Flüchtlinge in der Verfolgung des J. 37 hatte ſie ſich aus Juden und noch mehr aus Heiden gebildet(A. G. 11, 19 21). In ihrer Mitte fand nun Saulus unter der ungeheuern heidniſchen Bevölkerung zunächſt ſeinen Beruf und Arbeit genug(A. G. 11, 26). Zugleich ſtand er mit den Apoſteln in Jeruſalem und mit der dortigen Gemeinde in Verbindung durch Barnabas, der ihn dahin geführt hatte(Gal. 1, 18 24. A. G. 9, 26 30. 11, 29 30). Zur Miſſions⸗ thätigkeit nach außen kam er dagegen erſt im J. 44 auf Antrieb des Geiſtes Gottes und durch die beſondere Anregung prophetiſcher Männer(A. G. 13, 13). Unter dem Gebet der Gemeinde wurde er mit Barnabas zu ſeinem Amte ordinirt und mit Aufbierung aller ſeiner Kräfte ſuchte er dasſelbe ſeitdem bis an ſein Ende auszurichten. Den nöthigen Lebensunterhalt erwarb er ſich dabei durch Zeltweben(A. G. 18, 3. 20, 34. 4 Cor. 4, 12).

6) Ueberall, wohin er nun auf ſeinen Miſſionsreiſen kam, wandte er ſich mit der Botſchaft des Heils zuerſt an die Israeliten, nicht aber, wie man wohl denken könnte, an die Heiden. Den Israeliten als dem Volke der Offenbarung im Alten Bunde mußte die Gnade Gottes in Chriſto vor allen andern angeboten werden. So hatte es der Herr Jeſus Chriſtus geordnet, ſo that mit den übrigen Apoſteln auch Paulus(Matth. 10, 5 6. 15, 24. Joh. 4, 22. Gal. 2, 9 10. A. G. 13, 46 47). Darum predigte er ihnen Chriſtum in den Synagogen auf die Sabbathtage (A. G. 13, 5 ff.). Erſt wenn ſie, wie es oft geſchah, widerſprachen und läſterten, predigte er auf offenen Plätzen oder in den Häuſern auch den Heiden. Seine Zuhörer und ſpäteren Gemeinde⸗ glieder waren dann gewöhnlich einige empfängliche Seelen aus Israel, eine Anzahl von Proſelyten des Thores(Judengenoſſen) und viele nach Wahrheit und Troſt begierige Heiden. Waren dieſelben zum Glauben an den Herrn gekommen und getauft, ſo wurden ſie durch die Einſetzung von Aelteſten und durch die Feier des heiligen Abendmahls zu Gemeinden verbunden. Zur Beobachtung des moſaiſchen Geſetzes, beſonders des Cärimomalgeſetzes wurden ſie nicht genöthigt. Ausdrücklich wurde ihnen

2