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beherrſchen. Menſchenliebe und Humanität waren unbekannt; die Kriegführung war eine grauſam e und unmenſchliche; die Sklaverei war allgemein verbreitet.
3) Da das Heidenthum außerdem als Naturdienſt auch die dem Menſchen feindlichen Naturmächte in ſeinen Gottheiten verkörperte, z. B., als Moloch bei den Phöͤniciern, als Typhon bei den Aegyptern, als unterirdiſche Götter bei den Griechen und Römern, als Siwa bei den Hindus, als Ahriman bei den Perſern u. ſ. w., ſo waren Menſchenopfer jeder Art nicht ſelten. Da es ferner auch die fleiſchlichen Regungen des natürlichen Lebens, z. B. Wolluſt, Trunkſucht und dgl. auf Gottheiten zurückführte, welchen ein unſittlicher Cultus gewidmet wurde(Mylitta bei den Babyloniern, Aſtoreth oder Aſchera bei den Phöniciern, Artemis zu Epheſus, Aphrodite u Corinth, Bacchus bei den Griechen) ſo konnte es nicht fehlen, daß ſich bei dem Mangel eines feitſtehenden göttlichen Sittengeſetzes auch das Gewiſſen der Einzelnen in Bezug auf Mäßigkeit und Keuſchheit immer mehr verdunkelte. Die Sittlichkeit der Heiden war daher mit großen Schäden behaftet und bot zum Theil das Bild der entſetzlichſten Verirrung dar, während das Heidenthum auf andern Lebensgebieten unleugbar die größten Leiſtungen hervorbrachte(Egypter, Aſſyrier, Babylonier, Phönicier, Inder, Chineſen, Perſer, Griechen, Römer).
4) Auch bei den Völkern des römiſchen Reichs, an welche die Botſchaft von Chriſti zunächſt ergehen ſollte, trat die bunte Mannigfaltigkeit der heidniſchen Religionen ſehr deutlich hervor. Abgeſehen von unwichtigeren Religionsform erfanden ſich hier nebeneinander der arabiſch⸗chaldäiſche Geſtirndienſt(Sabäismus); der hamitiſch⸗ſemitiſche Cultus des Baal(Sonnen⸗ und Himmels⸗Gott), der Aſtoreth(Mond⸗ oder Nacht⸗Göttin), des Melkarth(Herkules); die ägyptiſche, oft geheimnißvolle Verehrung des Serapis und der Iſis; die verſchiedenen griechiſchen Culte mit ihrer reichen Entwickelung der Künſte(Baukunſt, Bildhauerei, Drama), ihren dunkeln Myſterien(beſonders in Eleuſis) und ihren theilweiſe unſittlichen Dienſten(Artemis in Epheſus, Aphrodite auf Cypern, Corinth u. ſ. w); vor Allem aber die römiſche Staatsreligion mit ihrem cärimoniellen Ernſt, welche noch lange nach Chriſtus von Kaiſer und Senat als Grundlage des Staats betrachtet wurde, mit allen wichtigen politiſchen Handlungen eng verknüpft war und gerade deßhalb ſpäter einen Hauptanlaß zur Ver⸗ fdlgung der Chriſten lieferte.
5) Bei den gebildeten Einwohnern des römiſchen Reichs war in jener Zeit der Glaube an die alten Götter vielfach wankend geworden, theis in Folge des Untergangs der nationalen Freiheit, theils durch die Miſchung der Culte, theils durch das Aufkommen der griechiſchen Philoſophie und durch ein ſchärferes Denken über ſittliche und göttliche Dinge. Meiſtentheils ſah man die Unwahrheit der heid⸗ niſchen Götterſagen ein, bemühte ſich aber vergebens, den lebendigen Gott zu finden, nach welchem man ſuchte(angeregt durch Sokrates und Platon). Ernſte und edle Gemuther geriethen in Folge dieſes Mangels einer feſten religiöſen Ueberzeugung in hoffnungsloſen Zweifel und Unglauben(blindes Schickſal, Zufall); ſchwache und unſelbſtändige in thörichten Aberglauben, wie Sterndeuterei(Aſtrologie) und Todten⸗ beſchwörung(Nekromantie); gemeine und ſittenloſe in deſto rückſichtsloſeren Sündendienſt, beſonders in Habſucht, Wolluſt, Grauſamkeit und Treuloſigkeit. Alle dieſe Schäden machten ſich aber um ſo fühlbarer, weil auch das politiſche Leben in Folge der Anhäufung aller öffentlichen Gewalt in den Händen der Kaiſer an den ſchlimmſten Gebrechen krankte, nämlich an Vergötterung, Gröͤßenwahnſinn und Grauſamkeit der Herſcher, und an Schmeichelei, Charakterloſigkeit, Thatloſigkeit und Miß⸗ ſtimmung der Beherrſchten.
6) Unter dieſen Umſtänden konnte es mit der Sittlichkeit der heidniſchen Bevölkerung des römiſchen Reiches nicht gut ſtehen; die Ehe wurde in frecher Weiſe entheiligt, das Familienleben vernachläſſigt; Zügelloſigkeit und Genußſucht verödeten die Gemüther; die geſammte römiſche Welt aber machte dem tiefer blickenden Zeitgenoſſen den Eindruck einer greiſenhaften Abgelebtheit und eines doenäbaeßn Verderbens, obgleich ſie äußerlich den Gipfel der Macht und des Glanzes erreicht hatte.
) Je unbefriedigender aber dieſer Zuſtand des religiöſen und ſittlichen Lebens unter den Heiden war, deſto ſtärker regte ſich bei ihnen das Verlangen nach göttlicher Hülfe für die bedrängte Menſchheit. In der Sehnſucht uach Wahrheit und Gnade von oben her berührten ſich die Beſten der Heidenwelt mit den frömmſten und heiligſten Seelen aus Israel.


