ſondern nur eine ſchwankende, unſichere Meinung haben, und weil ſie über die Götter unwürdige Vor⸗ ſtellungen verbreiten, ſie als Urheber des Böſen, als Betrüger und von Leidenſchaften beherrſcht hinſtellen, ſo daß demnach die Menſchen und beſonders die Kinder das Schlechteſte für recht halten, wenn ſie es als von den größten Göttern gethan hören. Es iſt merkwürdig, wie ein Mann, der die Dichterwerke ſo genau kannte und ihre Schönheit wohl zu würdigen wußte, den tiefen ſittlichen Inhalt der Dramen des Aeſchylos und Sophokles ſo vollſtändig verkennen konnte. Eine ähnliche Anſicht über die Dichtkunſt ſcheint ſchon Sokrates gehabt zu haben. Als dieſem nämlich durch einen Traum aufgetragen war, ſich mit Muſenkunſt zu beſchäftigen, beſang er zuerſt den Apollon; dann aber in Erwägung, daß der Dichter, wenn er dieſen Namen verdienen wolle, Fabeln dichten müſſe, brachte er äſopiſche Fabeln in Verſe ⁵²). Uebri⸗ gens blieben Platon's Angriffe gegen die Dichter ebenſo wirkungslos, wie die des Xenophanes von Kolo⸗ phon und des Heraklitos von Epheſus, welche ähnliche Urtheile über Homer und Heſiod gefällt hatten; nach wie vor behaupteten ſich die Dichter in den Schulen als Grundlage der Bildung.
Andere Unterrichtsfächer, als die beſprochenen, waren in den griechiſchen Schulen nicht eingeführt; fremde Sprachen, die jetzt ſo wichtig geworden ſind, wurden nicht betrieben, und ſelbſt die Mutterſprache wurde nicht als eigentlicher Unterrichtsgegenſtand behandelt, ſondern hierfür Gebrauch und Verkehr als der beſte Lehrer angeſehen. So wird berichtet, daß, wenn man nach einem Lehrer im Griechiſchen ſich umthun wolle, nicht ein einziger aufzutreiben ſei 5), und Alkibiades meint, daß man von dem Volke doch auch Etwas lernen könne. Er habe nämlich von demſelben griechiſch ſprechen gelernt und er wiſſe Nie⸗ manden ſonſt als ſeinen Lehrer darin zu nennen, ſondern müſſe ſeine Kenntniſſe auf das Volk zurück⸗ führen. Sokrates ſtimmt ihm bei, daß hierin daſſelbe ein guter Lehrer ſei und in dieſer Beziehung ſein Unterricht mit Recht zu empfehlen 54). Daß, wie Krauſe behauptet ⁵⁵), für reifere Knaben und Jüng⸗ linge ein höherer Sprachunterricht eingetreten ſei, iſt nicht zu bezweifeln, jedoch gehörte ein ſolcher nicht der Schule an, ſondern wurde von beſonderen Lehrern der Sprachwiſſenſchaft, als welche einige Sophiſten ſich auszeichneten, vorgetragen. Unter dieſen iſt vor allen Protagoras zu nennen, welcher zu einer wiſſen⸗ ſchaftlichen Behandlung der Grammatik den erſten Grund legte, aber gewaltthätig gegen die Sprache ver⸗ fuhr und ſie nach ſeinen vorgefaßten Meinungen zu meiſtern ſuchte, ſo daß er ſelbſt das Geſchlecht man⸗ cher Hauptwörter umändern wollte. Außer ihm verdienen Hippias ⁵⁶) und Prodikos ⁵²), welcher ſich beſonders mit Synonymik beſchäftigte, erwähnt zu werden. Daß übrigens die Reſultate der Forſchungen dieſer Männer in den Schulen noch keinen Eingang gefunden hatten und überhaupt nur Wenigen bekannt waren, iſt daraus zu ſchließen, daß Platon Dinge, welche heutzutage ſchon auf der unterſten Stufe des Sprachunterrichts abſolvirt werden, mit einer gewiſſen Ausführlichkeit beſpricht. So die Eintheilung der Buchſtaben in Selbſtlauter, dann in ſolche, welche zwar keinen Laut eigentlich, aber doch ein gewiſſes Geräuſch geben(Halbvocale), und endlich in die ſtummen 5⁸). An einer anderen Stelle wird der Unter⸗
5²) Phaedon. 60, e— 61, b.
5³) Protag. 327, e. 1
*4) Kleib. I, 111, a
55) a. a. O., S. 91. 2 ,901 56) Hipp. mai. 285, d.
57) Charmid. 163, d; Laches 197, d; Protag. 337, a; 358, a, d, e; Meno 75, e; Cratyl. 384, b; Euthydem. 277, e. Sokrates bezeichnet ſich oft als einen Schüler des Prodikos, wie Meno 96, d; Protag. 341, a, Pehnden ihn aber immer mit einer gewiſſen Ironie.
58) Phileb. 18, b; Cratyl. 424, c; Theaet. 203, b.


