20
Sokrates wollte bei der Beſprechung des eben erwähnten Gedichtes des Simonides dem Protagoras zeigen, daß auch er in dieſer Kunſt der Interpretation nicht unerfahren ſei 40). Man nannte die Dichter Väter der Weisheit und Führer zu derſelben 4¹), und die große Mehrzahl der Leute behauptete, durch ſie müſſe man die jungen Leute, um ſie gehörig zu unterweiſen, auferziehen und mit ſolcher Koſt ſie ſättigen, indem man ſie, vermöge des Vorleſens, durch vollſtändiges Auswendiglernen der Dichter zu Vielbewanderten und Vielwiſſenden mache; Andere aber ſagten, indem ſie aus allen das Hauptſächlichſte auswählten und ganze Stellen in Eins zuſammenzogen, das müſſe Einer im Gedächtniß auffaſſen und auswendig lernen, wenn er ein Wackerer werden und durch reiche Erfahrung und ein reiches Wiſſen zur Weisheit gelangen wolle ⁴²). So erklärten die Lobredner des Homer, dieſer Dichter ſei der Lehrer Griechenlands geworden; er verdiene es, daß man durch ſein fleißiges Leſen ſich ausbilde, in Anordnung und Förderung menſch⸗ licher Angelegenheiten belehre und ſein eigenes Leben ganz nach ihm einrichte 43). Außer Homer wurden häufig gnomiſche Gedichte, wie die des Theognis, welche gedankenreichen Inhalt mit ſchöner Form ver⸗ banden, auswendig gelernt. Ebenſo geſchah es mit den Gedichten Solon's. Hierüber erzählt Kritias 44⁴): „Am dritten Tag der Apaturien fand die für uns Knaben herkömmliche Feſtfeier ſtatt; unſere Väter ſetzten uns nämlich Preiſe beim Vortragen von Geſängen aus. Da wurden nun viele Gedichte vieler Dichter hergeſagt, und als etwas zu jener Zeit Neues ſangen viele von uns Knaben auch die Gedichte Solon's ab.“ Man iſt leicht verſucht, hier an eine Art von feierlicher Prüfung, gleichſam eine Schau⸗ ſtellung des in der Schule Gelernten, zu denken.
Während Platon ſeine große Beleſenheit in den Werken der Dichter in jeder ſeiner Schriften an den Tag legt und zuweilen auch den Dichtern Lob widerfahren läßt, wie z. B. in der von Sokrates vorgetragenen Rede der Diotima Homer und Heſiod, wegen ihrer Werke, welche ihnen unſterblichen Ruhm ſichern, glücklich geprieſen werden ⁴⁵), will er dagegen in ſeinem Staate die Dichter nicht dulden. Zwar hegt er eine gewiſſe Liebe zu Homer ⁴⁰) und iſt ſich des Zaubers, den die Poeſie ausübt, wohl bewußt ¹), aber trotzdem weiſt er die Dichter, und beſonders die Tragiker, als deren Führer er den Homer betrachtet, aus dem Lande ⁴⁸). Sie ſtehen ihm erſt auf der dritten Stufe der Wahrheit ⁴³⁹), indem ſie nur Nach⸗ bildner der Schattenbilder der Tugend und anderer Gegenſtände, die ſie dichteriſch behandeln, ſind, zur Wahrheit aber nicht gelangen ⁵⁰); daher geſtattet er von aller Poeſie nur Geſänge, beſtimmt die Götter zu preiſen und edle Männer zu erheben; nehme man aber die in Liedern und Heldengeſängen verlockende Muſe auf, dann würden in dem Staate Luſt⸗ und Trauergefühle ſtatt des Geſetzes herrſchen und ſtatt der Grundſätze, die bei allen ſtets für die beſten gelten 5¹). Er will von den Dichtern nichts wiſſen, weil es denſelben mehr um ſchönen Schein, als um ernſte Wahrheit zu thun iſt, weil ſie kein feſtes Wiſſen,
4⁰) Xenoph. Memorab. I, 6, 14 wird berichtet, daß Sokrates mit ſeinen Schülern Schriftſteller geleſen und erklärt hat. 4¹) Lys. 214, a.
4²) Leg. VII, 810, e— 811, a.
4³) Rep. X, 606, e.
4⁴) Tim. 21, b.
¹s) Symp. 209, d.
46) Rep. X, 595, b.
¹n) Ibid. 607, c. 5 1 48) Ibid. VIII, 568, b. 4 324 1 4 ⁴⁰) Ibid. X, 599, d.
5⁰) Ibid. 600, e.
5¹) Ibid. 607, a.


