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1. Theil (1868)
Entstehung
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daß Niemand ohne Kenntniß der Geometrie zum Studium der Philoſophie zugelaſſen werden dürfe 30), ſondern er ſelbſt erklärt ausdrücklich, die Mathematik und beſonders das Rechnen ſei vor Allem noth⸗ wendig, wenn Jemand überhaupt ein Menſch ſein wolle ³¹), jedoch müſſe es der Erkenntniß, nicht der Krämerei wegen geübt werden ³²). Er hat beobachtet, daß die von Natur zur Rechenkunſt Befähigten auch zu allen Wiſſenſchaften natürliche Anlagen haben, langſame Köpfe dagegen, wenn ſie darin unter⸗ wieſen und geübt werden, insgeſammt, ſollte es ihnen auch ſonſt keinen Nutzen ſchaffen, das gewinnen, daß ſie ſich ſelbſt an Gewandtheit übertreffen 34). Die Beſchäftigung mit den Zahlen weckt den von Natur Träumeriſchen und der Wißbegier Ermangelnden auf und macht ihn, indem er durch dieſe göttliche Kunſt ſeiner Natur zuwider fortſchreitet, lernbegierig, merkſam und ſcharfſichtig 34). Derjenige Menſch dagegen iſt weit davon entfernt zu einem gottähnlichen zu werden, welcher nicht einmal die Eins oder Zwei oder Drei zu faſſen im Stande iſt, noch überhaupt das Gerade oder Ungerade, ja gar nicht zählen kann, der nicht einmal Tag und Nacht abzuzählen vermag und des Umlaufs des Mondes, der Sonne und der Sterne unkundig iſt. Es iſt daher ſogar eine große Thorheit, ſich einzubilden, dieſe Kenntniß habe der nicht nöthig, welcher auch nur irgend eine der ſchönſten Wiſſenſchaften erlernen will 34). Bemerkens⸗ werth iſt, daß zu Platon's Zeit die Stereometrie faſt unbekannt war, oder doch, als zu ſchwer, nur läſſig betrieben wurde ³6). Platon liebt es gewiſſe philoſophiſche Begriffe durch mathematiſche Verhältniſſe zu verdeutlichen; ſo benutzt er gerade und ungerade Zahlen ³⁷), rationale und irrationale Erößen ³⁸) u. A. m.

Als hauptſächlichſtes Bildungsmittel, womit der Schulunterricht ſich faſt ausſchließlich befaßte, betrachtete man das Leſen und Auswendiglernen der Werke der Dichter, beſonders des Homer. Auch ohne die bekannte Erzählung, daß Alkibiades einen Lehrer, bei welchem er den Homer nicht gefunden hatte, gezüchtigt habe, zu Hülfe zu nehmen, läßt ſich leicht nachweiſen, daß jeder, der auf Bildung Anſpruch machte, nicht nur im Homer, welcher vorzugsweiſeder Dichter genannt wurde, ſondern auch in den Werken anderer Dichter ſo bewandert und heimiſch ſein mußte, daß er bedeutende Stellen ihrem Wort⸗ laut nach anzuführen im Stande war. Demgemäß beſitzen die in den Dialogen Platon's auftretenden Perſonen dieſe Kenntniß, ſo daß ſelbſt die leichteſte Anſpielung auf eine Dichterſtelle ihnen nicht entgeht. Man erſieht z. B. aus der Art, wie im Protagoras das Gedicht des Simonides beſprochen wird, daß daſſelbe als den Zuhörern des Geſprächs und ſomit auch den gebildeten Leſern genau bekannt vorausge⸗ ſetzt wird. Auch war es Sitte, die Rede mit Dichterſtellen auszuſchmücken, wie z. B. der im Gorgias auftretende Kallikles ſolche anzuführen und für ſeine Anſicht meiſterlich auszubeuten weiß. Ausdrücklich ſagt Protagoras, daß er eine genaue Gedichtkenntniß für einen Hauptbeſtandtheil der Geiſtesbildung eines Menſchen anſehe; dieſe aber zeige ſich darin, daß einer im Stande ſei, das von den Dichtern Geſagte zu verſtehen, was gut gedichtet ſei und was nicht, und in der Kunſt, es zu erklären und auf Befragen darüber Rechen⸗ ſchaft geben zu können ³⁵). Beſonders die Sophiſten befaßten ſich viel mit Erklärung der Dichter, und

³⁰) In Folge des Auftretens Platon's am Hofe von Syrakus fingen dort Alle an ſich mit Geometrie zu beſchäftigen. ) Rep. VII, 522, e.

³²) Ibid. 525, d.

³³) Ibid. 526, b.

²3) Leg. V, 747, b: ul uμανm να duviova zal dy xiowy dregydgerai. 3s) Ibid. VII, 818, c, d.

³6) Rep. VII, 528, b.

²¹) Eutyphr. 12, d.

38) Theaet. 147, d sedq.

3⁰) Protag. 339, a.