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welcher die Buchſtaben auf den Vorlagen am ſchnellſten nachſchreiben kann und auch im Leſen ſchnell iſt 1s). Schnelles Auffaſſen des vom Lehrer Vorgetragenen gilt für beſonders rühmlich 19). Man ſuchte Gewandtheit in den Elementarfächern zu erreichen; ſo kann Lyſis ſeinen Eltern auf Verlangen etwas vorleſen oder ſchreiben ²⁰). Platon fordert eine gewiſſe Fertigkeit; es jedoch bis zum Raſchen und Schönen zu bringen, möge man bei den von der Natur nicht beſonders Begünſtigten aufgeben ²21). Als bei dem Unterrichte gebräuchliche Methode wird angeführt, daß der Lehrer öfter vorſagte, ſo lange bis die Schüler das Vorgetragene ſich ins Gedächtniß eingeprägt hatten ²2). Das Memoriren wurde in den Schulen der Alten, die noch keinen Ueberfluß von Schulbüchern und leicht zu beſchaffenden Ausgaben der Schriftſteller kannten, außerordentlich geübt und beſonders die Pythagoreer ſcheinen den Grundſatz, der ſpäter durch den Spruch:„tantum scimus quantum memoria tenemus“ ausgedrückt wurde, ſchon befolgt und dem Gedächtniß gegenüber den Gebrauch der Schrift herabgeſetzt zu haben. Derſelben Anſicht huldigt Platon in der folgenden, dem Sokrates in den Mund gelegten ägyptiſchen Fabel ²³):
„Ich hörte alſo, in der Gegend von Naukratis in Aegypten habe einer der dortigen alten Götter ſich aufgehalten, dem auch der Vogel geweiht iſt, den ſie Ibis nennen; der Gott ſelbſt aber führe den Namen Theuth. Dieſer habe zuerſt die Zahl und das Rechnen erfunden und die Meß⸗ und Sternkunde, ferner auch das Bret⸗ und Würfelſpiel, ja auch die Buchſtaben. Da nun damals über ganz Aegypten Thamus in der Umgegend der großen Stadt des Oberlandes herrſchte, welche die Griechen die ägyptiſche Thebe, ſowie den erwähnten Gott Ammon nennen, ſo kam zu dieſem Theuth, machte mit ſeinen Erfin⸗ dungen ihn bekannt und behauptete, ſie müßten den übrigen Aegyptiern mitgetheilt werden. Jener aber fragte, welchen Nutzen jede habe, und tadelte oder lobte bei Darlegung deſſelben, was dieſer richtig oder unrichtig anzuführen ſchien. Nun ſoll Thamus dem Theuth über jede Kunſt viele Bemerkungen nach beiden Richtungen hin mitgetheilt haben, welche zu erörtern zu weit führen würde; als er aber auf die Buchſtaben kam, ſagte Theuth, dieſe Kenntniß, o König, wird die Aegyptier weiſe und merkſamer machen; denn in ihnen ward ein Mittel zur Erhöhung der Weisheit und des Gedächtniſſes erfunden. Kunſt⸗ reichſter Theuth, ſagte aber jener, der Eine iſt das zu einer Kunſt Gehörige zu erfinden vermögend, der Andere zu beurtheilen, wie groß der Schaden oder Nutzen für diejenigen ſei, die davon Gebrauch machen werden. So gabſt auch du jetzt als Vater der Buchſtaben aus Vorliebe das Gegentheil von dem an, was ſie vermögen. Denn dieſe Kenntniß wird, wegen vernachläſſigter Uebung des Gedächtniſſes, Vergeßlichkeit in den Seelen der Lernenden erzeugen, indem ſie, der Schrift vertrauend, von außenher vermittelſt fremder Zeichen, nicht durch ſich ſelbſt von innen heraus an etwas ſich erinnern. Nicht alſo ein Mittel für das Gedächtniß, ſondern für die Erinnerung haſt du erfunden. Den Dünkel der Weisheit aber ver⸗ ſchaffſt du deinen Schülern, doch nicht das Wahre; denn indem ſie ohne Unterweiſung mit Vielem bekannt werden, halten ſie ſich für Vielwiſſer, während ſie in den meiſten Dingen unwiſſend und unangenehm im Umgange ſind, indem ſie ſtatt zu Weiſen zu Weisheitsgecken wurden.“ So richtig urtheilte man ſchon im Alterthum über Leute, welche ſich damit beruhigen, die Wiſſenſchaft ſchwarz auf weiß nach Hauſe tragen
¹8) Charmid. 159, c.
¹6) Ibid. 160, a.
²⁰) Lys. 209, a, b.
21) Leg. VII, 810, b.. ²²) Das Vorſagen hieß drodοατiεν. Euthydem. 276, c. ²³) Phaedr. 274, c— 275, b.


