Druckschrift 
1. Theil (1868)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

kamen, wie Dämonen, die Aufſeher des Menexenus und Lyſis, riefen ſie an und geboten ihnen nach Hauſe zu gehen; denn es war ſchon ſpät. Anfangs nun wollten wir und die Umſtehenden dieſelben zurückweiſen; da ſie aber auf uns nichts gaben, ſondern in ihrem ausländiſchen Dialekte ihren Unwillen äußerten und jene nichts deſtoweniger anriefen, ja, vielmehr uns beim Hermesfeſte etwas angetrunken und für verſtändige Vorſtellungen unempfänglich ſchienen, ſo gaben wir ihnen nach und hoben die Unterhaltung auf. Eine Aufgabe der Pädagogen war es auch zu verhindern, daß die Liebhaber ſich mit ihren Ge⸗ liebten beſprachen ¹00). Platon meint, daß ebenſo wie den Schafen ein Hirte den Sklaven ein Herr nöthig ſei, den Knaben wegen ihres kindiſchen und unverſtändigen Weſens ein Aufſeher geſetzt werden müſſe 1¹¹).

Ein beſtimmtes Lebensjahr für den Anfang des Schulbeſuchs läßt ſich nicht angeben; die oben mit⸗ getheilte Stelle des Protagoras beſagt nur, daß die Söhne der Reichſten auch am früheſten zur Schule kommen. Platon, der erſt den zehnjährigen Knaben zu den Anfangsgründen des Wiſſens hinführt, will die Beſtimmung einer längeren oder kürzeren Dauer des Unterrichts nicht der Willkür der Eltern über⸗ laſſen ¹²). In der Schule, welche mit dem frühen Morgen begann ¹³), wurde zunächſt Leſen und Schreiben, podνμιμααα, betrieben ¹4). Die Buchſtaben werden einzeln kennen gelernt und müſſen ſowohl durch Geſicht als durch Gehör genau unterſchieden werden, damit ihre Verknüpfung zu geſprochenen oder geſchriebenen Wörtern keine Verwirrung verurſache ¹³). Wenn die Knaben zu leſen anfangen, ſo ſind ſie bald im Stande, in den kürzeſten und leichteſten Silben jeden Buchſtaben in befriedigender Weiſe herauszufinden und über denſelben die richtige Antwort zu geben; bei ſchwereren Silben dagegen gerathen ſie über den⸗ ſelben Buchſtaben in Schwanken und Irrthum und ſind deshalb in der Weiſe am leichteſten zur Erkennt⸗ niß des Richtigen hinzuführen, daß man ſie zunächſt auf diejenigen Fälle aufmerkſam macht, in welchen ſie die Buchſtaben richtig erkannten und dieſe dann neben die noch nicht richtig erkannten ſtellt, wonach durch Vergleichung ſich ergibt, daß in beiden Zuſammenſetzungen dieſelbe Uebereinſtimmung und Beſchaffen⸗ heit ſich finde. Durch dieſe Hinweiſungen wird ſchließlich bewirkt, daß jeder Grundlaut in allen Laut⸗ verbindungen ſowohl in ſeiner Gleichheit mit den ihm gleichen als in ſeiner Verſchiedenheit von anderen richtig erkannt werde ¹6). Der Schüler wird in den Anfangsgründen des Unterrichts erſt dann tüchtig, wenn er die Buchſtaben weder im Großen noch im Kleinen, als ſeien ſie nicht zu berückſichtigen, gering achtet, ſondern allerwärts dieſelben richtig zu unterſcheiden ſich bemüht ¹ꝛ), Derjenige iſt der beſte,

¹⁰) Symp. 183, c.

¹¹) Leg. VII, 808, d.

¹2) Ibid. 809, e; 810, a. 3

*³) Die von Becker(Charikles II, S. 30) für den Beginn des Unterrichts angeführte Stelle, Leg. VII, 808, d, beweiſt nichts, indem es dort nur heißt:kehrt aber der Tag und die Morgendämmerung wieder, dann muß man die Kinder zu ihren Lehrern ſchicken. Hieraus ergibt ſich aber nicht, daß dies beſtehende Sitte geweſen iſt, ſondern nur, daß Platon es ſo gehalten haben wollte; denn er würde, da er einen reichlichen Schlaf weder für den Körper noch für die Seele zuträglich hält(Leg. VII, 808, b), jedenfalls Frühaufſtehen und frühen Anfang der Schule verlangt haben, auch wenn dies in Athen nicht üblich geweſen wäre.

*4) Nach der angeführten Stelle des Protagoras ziehen die Lehrer den Knaben, welche noch keine Fertigkeit im Schreiben beſitzen, mit dem Griffel Linien und nöthigen ſie nach Anleitung dieſer zu ſchreiben. Schleiermacher, Krauſe und Kapp verſtehen dies ſo, als beziehe es ſich auf das Nachmalen des Vorgeſchriebenen. Daß vorgeſchrieben wurde, iſt unzweifelhaft; aber an dieſer Stelle iſt, wie beſonders aus dem folgenden d9 d'G 4u0 Havy ſich ergibt, an Linien, nach welchen der Schreibende ſich richten ſoll, zu denken.

¹⁵) Theaet. 206, a.

*6) Politicus, 277, e 278, c.

¹7) Rep. III, 402, a, b.