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die Rede von Aſpaſia gelernt und beinahe Schläge bekommen habe, wenn er etwas vergeſſen hätte. Jedoch erkannte man ſchon frühe, daß Uebermaß zu vermeiden ſei und weder zu große Nachſicht noch übertriebene Strenge günſtigen Erfolg habe, wie wenigſtens als die bei den Athenern herrſchende Anſicht dieſe ausgeſprochen wird, daß zu große Nachſicht den Charakter mürriſch, jähzornig und durch Kleinigkeiten erregbar, das Gegentheil davon aber, eine zu ſtrenge und ſklaviſche Behandlung, ihn durch eine niedrige, unfreie und menſchenfeindliche Geſinnung für das Zuſammenleben untauglich mache ³³). Die Strafen ſollen das Ehrgefühl nicht verletzen; jedoch darf man Vergehen nicht unbeſtraft laſſen, weil dies den Muth⸗ willen noch mehr reizen würde ³⁴). Durch mancherlei Schreckbilder und Spukgeſtalten ſuchte man die Kinder von Unarten abzuhalten, ein Verfahren, welches Platon, der in den Seelen der Kinder keine Furcht aufkommen laſſen will, entſchieden mißbilligt ³5).
Zur Beſchwichtigung und Unterhaltung wurden den Kindern von den Wärterinnen Geſchichten und Mährchen erzählt, die ſich meiſt auf mythologiſche Gegenſtände bezogen. Daß dies allgemeine Sitte war, geht ſchon daraus hervor, daß derartige Erzählungen ſprüchwörtlich geworden ſind 36). Platon war mit dem Inhalt der meiſten gar nicht einverſtanden. Deshalb will er, daß die Sagendichter beaufſichtigt werden und nur die ſchönen unter den von ihnen gedichteten Sagen aufgenommen werden ſollen; dieſe als gut erkannten müßten von den Müttern und Wärterinnen den Kindern erzählt und hierdurch deren Seelen gebildet werden; die meiſten von denen aber, welche ſie jetzt erzählten, ſeien zu verwerfen. Er tadelt beſonders diejenigen Geſchichten, in welchen die Götter als ſchlecht dargeſtellt werden, wie die Feſſelung der Hera, das Herabwerfen des Hephäſtos, die Kämpfe der Götter gegeneinander u. A. m. Er verkennt nicht, daß ſolche Erzählungen auf die Jugend einen ſehr tiefen Eindruck machen und um ſo mehr bedürfe es der Ueberwachung, da bei jedem Werke der Anfang das Wichtigſte ſei, zumal bei einem jugendlichen und zarten Gemüthe. Denn gerade bei dieſem laſſe ſich das Gepräge, welches man ihm geben wollte, am leichteſten und beſtimmteſten aufdrücken ³7). Deshalb ſollen die Greiſe, welche über 60 Jahre alt ſind, das Amt der Mährchenerzähler übernehmen 3s).—
Bei der häuslichen Erziehung wurde dem Kinde die Beobachtung des äußeren Anſtandes, auf welchen die Griechen hohen Werth legten, ſchon frühe eingeprägt. Für wie nothwendig ein anſtändiges äußeres Erſcheinen gehalten wurde, zeigt ſchon der Umſtand, daß man aus der Art des Umwerfens des Mantels den Gebildeten vom dem Ungebildeten unterſcheiden zu können glaubte ³⁵). Wenn der Knabe zur Schule ging, war es Sache des ihn dorthin begleitenden Pädagogen, für das anſtändige Betragen ſeines Schütz⸗ lings(eu ναοαααια⁴α) beſorgt zu ſein, und auch die Lehrer waren angewieſen, beſonders darauf zu achten.
Während die Knaben in einem gewiſſen Alter zur Schule geſchickt wurden, blieben die Mädchen dagegen zu Hauſe, und ihnen wurde keine andere Unterweiſung zu Theil, als die durch Mütter und Wärterinnen, die ihnen natürlich keine eigentlichen Schulkenntniſſe mittheilen, ſondern ſie nur zur Führung des Hausweſens anleiten konnten. So ſtellt Meno als Tugend des Weibes einfach die hin, das Haus⸗
33) Leg. VII, 791, d.
³¹) Ibid. 793, e.
³⁵) Ibid. 792, b; Rep. II, 381, e.
36) 6 Jeyενς οαέν νυνς, Theaet. 176, b; cf. Gorg. 527, a; Hipp. mai. 286, a; Rep. I, 350, e— aniles fabellae, Horat. Sat. II, 6, 77 und 78..
³⁷) Rep. II, 377 seqq.; Leg. X, 887, d.
³8) Leg. II, 664, d.
³⁸) Theaet. 175, e: dνα„⁴αeƷναιαι dς oue drιαταρμιμνοων πι⁴εεια dεννιμέςο⁸.


