anderer guter Dichter, der Liederſänger, die ſie dem Citherſpiel unterlegen, und erzeugen unabweislich in den Gemüthern der Knaben das Gefühl für Takt und Einklang, damit ſie milder werden, und nachdem ſie für Takt und Wohlklang empfänglicher wurden, tauglich zum Handeln und Reden; denn des Menſchen geſammtes Leben bedarf des Ebenmaßes und der Harmonie. Außerdem ſchicken ſie dieſelben ferner zum Ringmeiſter, damit ein kräftiger Körper die veredelte Geſinnung unterſtütze und damit ſie nicht durch des Körpers ſchlechte Beſchaffenheit im Kriege und bei anderen Unternehmungen zu verzagen genöthigt werden. Und das thun diejenigen, die es am beſten können. Am beſten aber können es die Reichſten. Und die Söhne dieſer fangen am früheſten an, die ihrem Alter angemeſſenen Lehrer zu beſuchen und verlaſſen ſie am ſpäteſten. Sobald ſie aber die Schule verlaſſen haben, nöthigt ſie wieder der Staat, die Geſetze auswendig zu lernen und nach der Vorſchrift dieſer zu leben, damit ſie nicht nach eigener Willkür auf das Gerathewohl verfahren; ſondern gerade ſo wie die Schreiblehrer den Knaben, die noch keine Fertigkeit im Schreiben beſitzen, mit dem Griffel Linien ziehen und indem ſie ihnen die ſo vorgerichtete Schreibtafel geben, dieſelben nöthigen, nach Anleitung der Linien zu ſchreiben, ſo ſchreibt auch der Staat Geſetze, erſonnen von weiſen alten Geſetzgebern, vor, nöthigt zu deren Bewachung die Befehlenden und die Ge⸗ horchenden und beſtraft denjenigen, der ſie übertritt.“ Die hier in großen Zügen entworfene Schilderung der atheniſchen Erziehung wird durch die folgende Beſprechung der einzelnen Theile derſelben die nöthige Erläuterung und Ergänzung finden.
Was die Pflege und Behandlung des Kindes in der erſten Lebenszeit betrifft, ſo verdient erwähnt zu werden, daß Platon Wiegen noch nicht gekannt hat. Dies iſt daraus zu ſchließen, daß derſelbe, während er ausdrücklich eine ſchaukelnde Bewegung für die Kinder verlangt ¹8), einer der Wiege ähnlichen Vorrichtung nicht gedenkt. Indem er nämlich drei Arten der Bewegung unterſcheidet, hält er die durch Leibesübungen für die beſte, die auf Seereiſen und Fahrten, die mit keiner Anſtrengung verbunden ſind, für die nächſtbeſte ¹9), und gerade dieſe würde dem Wiegen entſprechen. Erſt in viel ſpäterer Zeit kamen Wiegen in Gebrauch. Das neugeborene Kind wurde bei dem am fünften Tage nach der Geburt ſtatt⸗ findenden Feſte der Amphidromien um den Herd des Hauſes herumgetragen, und dann erſt gab der Vater die Erklärung ab, ob er es erziehen wolle oder nicht 20). Den Kindern mangelte es nicht an Spiel⸗ zeug und man ſcheint die Wichtigkeit des Spielens ſchon eingeſehen zu haben, indem ſelbſt der Pythagoreer Archytas nach dem Zeugniß des Ariſtoteles als Erfinder einer Kinderklapper genannt wird. Die Kinder hatten Puppen,*dz, welche aus Thon verfertigt und mit Farben bemalt waren ²¹). Man kennt aus den Angaben anderer Schriftſteller noch eine Anzahl von Spielen, die zum Theil mit den jetzt üblichen ziemlich übereinſtimmen. Platon erwähnt Oſtrakinda, das Scherbenſpiel, bei welchem die Knaben in zwei Theile getheilt waren und von einem der Spieler eine auf der einen Seite weiß, auf der andern ſchwarz gefärbte Scherbe empor geworfen wurde; je nachdem dieſe fiel und entweder weiß oder ſchwarz oben hin zu liegen kam, mußte die eine oder die andere Partei die Flucht ergreifen und wurde von der anderen verfolgt ²²). Platon hat die Nothwendigkeit und den Nutzen wie überhaupt die pädagogiſche Bedeutung der Spiele wohl erkannt. Er hält ſie für ein Bedürfniß der Kinderjahre und meint, daß die Kinder, wenn ſie zuſammenkommen, von ſelbſt darauf verfallen und ſolche erfinden ²³). Jedoch will er keine Veränderung
¹8) Leg. VII, 790, c, d.
¹0) Tim. 89, a. 8
²⁰) Theaet. 160, e— 161, a. 3
2¹) Ibid. 147, a, iſt von dem Thon der Puppenmacher die Rede. ²²) Phaedr. 241, b; Rep. VII, 521, c.
²³) Leg. VII, 793, e— 794, a.


