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einigen Schriftſtellern angeführt; doch darf man an eine beſondere Ueberwachung und Controle des Unterrichtsweſens von Seiten des Staates nicht denken und eben ſo wenig iſt man berechtigt, aus der oben citirten Stelle die allgemeine Schulpflichtigkeit zu folgern. Sagt doch Sokrates dem Alkibiades, daß ſich um ſeine und jedes andern Atheners Geburt, Erziehung und Unterweiſung Niemand kümmere, es müßte es denn etwa ein Liebhaber thun ¹¹). Die hinſichtlich der Verpflichtung zur Erziehung beſtehenden Geſetze mögen wohl ſolche geweſen ſein, wie das von Aeſchines erwähnte, wonach Eltern, welche ihre Kinder Nichts hatten lernen laſſen, im Alter keinen Anſpruch auf Pflege und Unterhalt von Seiten der⸗ ſelben erheben konnten. Doch iſt auch dieſe Beſtimmung etwas zweifelhaft, indem Geſetzesanführungen bei Rednern ſich keiner beſonderen Glaubwürdigkeit erfreuen ¹²).
Man ſtrebte im Alterthum nicht danach, durch Unterricht und Erziehung für einen ſpeciellen Beruf vorzubereiten, ſondern ſuchte allgemeine Bildung(aιdeia) ſich zu erwerben. So hat der im Protagoras auftretende Hippokrates den gewöhnlichen Schulunterricht erhalten, hat Muſik und Gymnaſtik geübt, nicht aber um aus dem Gelernten ſpäter ein Geſchäft zu machen, ſondern zu allgemeiner Bildung ¹³). Platon erklärt ſich gegen einen Mißbrauch der Wiſſenſchaft zu den Geſchäften des gewöhnlichen Lebens beſonders in den Stellen, in welchen er von der Arithmetik ſpricht. Er warnt nämlich davor, dieſelbe ſo wie Aegypter und Phöniker, welche er als erwerbsluſtig bezeichnet 44), nur wegen des Gelderwerbs zu betreiben, indem alsdann dieſe Bildungsmittel nicht eigentliche Bildung, ſondern Verſchlagenheit erzeugen würden ¹⁵). Was für ein Urtheil würde er, der weder des Kaufs und Verkaufs wegen noch um Handels⸗ leute und Weinhändler zu bilden die Rechenkunſt geübt haben will ¹6), über die Handelsſchulen der Neu⸗ zeit fällen?
Ein anſchauliches Bild der atheniſchen Erziehung iſt im Protagoras ¹*) gezeichnet:„Mit den erſten Kinderjahren fangen ſie an und belehren und weiſen ſie zurecht, ſo lange ſie leben. Sobald nur ein Kind, was ihm geſagt wird, begreift, wetteifern Amme und Mutter und Aufſeher und der Vater ſelbſt darin, wie das Kind möglichſt wacker werde, indem ſie bei Allem, was es ſagt oder thut, es belehren und ihm nachweiſen: das iſt gerecht, das ungerecht; das löblich, das verwerflich; das fromm, das gottlos; das thue, das thue nicht. Und gehorcht es gutwillig, wohl; wo nicht, geben ſie ihm, wie einem Holze, das ſich krümmt oder verwirft, durch Drohungen und Schläge die rechte Richtung. Schicken ſie es darauf zu einem Lehrer, dann legen ſie es dieſem weit mehr an das Herz, für die gute Zucht ihrer Kinder zu ſorgen, als für Leſen und Citherſpiel. Die Lehrer aber tragen dafür Sorge, und haben jene nun das Leſen gelernt und fangen an, wie früher das Geſprochene, das Geſchriebene zu begreifen, dann geben ſie ihnen auf den Bänken die Verſe guter Dichter und nöthigen ſie, dieſelben auswendig zu lernen, welche viele Ermahnungen enthalten, viele Schilderungen und den Preis und das Lob wackerer Männer aus alter Zeit, damit die Knaben ſie nachzuahmen ſich beſtreben und ihnen ähnlich zu werden wünſchen. In ähnlicher Weiſe tragen auch die Muſiklehrer für gute Sitten Sorge, damit die Jünglinge dagegen ſich nicht vergehen; ſie lehren ſie außerdem, nachdem dieſelben das Citherſpiel erlernt, auch die Geſänge
¹1) Alcib. I, 122, b. ¹²) Krauſe a. a. O., S. 83 citirt Leg. VII, 804, d, wo aber nicht von einem beſtehenden Geſebe, ſondern von einem in dem neuen Staate einzuführenden die Rede iſt.
¹3) Protag. 312, b oux dr r4ν dA* sa maideig. In gleicher Bedeutung ſteht aideia Gorg. 485, a. ¹4) Rep. IV, 436, a....
¹5) Leg. V, 747, c.
¹6) Rep. VII, 525, c.
12) Protag. 325 und 326.


