Druckschrift 
1. Theil (1868)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

Sokrates in ſcheinbarem Widerſpruch. Dieſer ſagt nämlich ³), wenn Jemand mit dem unbedeutendſten Lacedämonier eine Unterredung anknüpfe, ſo werde ihm derſelbe größtentheils im Geſpräch unbedeutend erſcheinen; dann aber werfe er an irgend einer Stelle der Unterhaltung, wie ein geſchickter Speerwerfer, ein kurzes, inhaltſchweres, wohl zu beachtendes Wort hin, ſo daß der Zwiſchenredner wie ein unverſtändiger Knabe gegen ihn erſcheine. Solche Ausſprüche zu thun ſei nur die Sache eines vollkommen ausgebildeten Mannes. Es iſt nicht ſchwer, die Aeußerung des Hippias mit der des Sokrates in Einklang zu bringen; jener ſpricht von dem mangelhaften Unterrichte, dieſer von der durch ſtrenge Zucht hervorgebrachten inneren Bildung, welche den Spartanern nicht abzuſprechen iſt. Derſelbe Hippias bemerkt weiter), daß es in Sparta nicht üblich ſei an den Geſetzen zu rütteln oder bei der Erziehung der Söhne dem Her⸗ kommen zuwider zu verfahren; das Geſetz geſtatte bei derſelben keine ausländiſche Weiſe. Nur für Geſchichte hätten die Spartaner Intereſſe; denn ſie hörten am liebſten von den Stammbäumen der Heroen ſowohl als Menſchen und den Niederlaſſungen, wie die Städte vor Alters gegründet worden ſeien, mit einem Worte von der geſammten Kunde alter Zeit.

Daß im Gegenſatz zu Sparta in Athen zur Zeit Platon's Erziehung und Unterricht in hohem Anſehen geſtanden haben müſſen, ergiebt ſich aus vielen Stellen ſeiner Schriften. Wie könnte er ſonſt die Anſicht aufſtellen, daß beide die nothwendige Grundlage jedes Staates ſeien und ein gut erzogener Bürger keiner Geſetze bedürfe? Findet er doch, daß, wenn in einem Staate Bettler, Diebe, Beutel⸗ ſchneider, Tempelräuber und dergleichen Leute angetroffen werden, dies ſeinen Grund in dem Mangel an Unterweiſung und Erziehung habe 5). So hegen die im Laches auftretenden Alten, deren Bildung von ihren Vätern vernachläſſigt worden war, die Abſicht, bei ihren Söhnen nicht in denſelben Fehler zu ver⸗ fallen; ſie ſind ſogar geneigt, des Guten zu viel zu thun, indem ſie ſelbſt Gegenſtände, deren bildende Kraft noch nicht erwieſen iſt, in den Unterricht aufgenommen wiſſen wollen. Ueber nichts Göttlicheres kann wohl ein Menſch einen Beſchluß zu faſſen haben, als über ſeine eigene und ſeiner Angehörigen Aus⸗ bildung), und ein vernünftiger Mann kann nichts ernſtlicher betreiben, als daß ſein Sohn ſo tüchtig als möglich werde ²). In ähnlicher Weiſe ſagt Sokrates bei Xenophon), es gebe kein größeres Unglück, als ſchlechte Kinder zu haben. Die Nachtheile einer ſchlechten Erziehung werden mehrfach hervorgehoben und Platon liebt es beſonders die Staatsmänner anzuklagen, daß ſie für das geiſtige Wohl ihrer Kinder keine Sorge trügen. Ebenſo wie die Geſundheit der Körper durch Ruhe und Trägheit zu Grunde geht, dagegen durch Leibesübungen und Bewegung erhalten wird, ſo erwirbt die Seele durch Lernen und Uebung, was Bewegungen ſind, Kenntniſſe und bewahrt und vermehrt dieſelben; durch Ruhe aber, d. h. durch Mangel an Uebung und Lernbegier gewinnt ſie nicht an Kenntniſſen, ſondern vergißt ſogar das etwa Erlernte).

Bei der allgemein durchgedrungenen Ueberzeugung von dem Werthe einer tüchtigen Bildung bedurfte es keiner beſonderen Geſetze; doch geſchieht ſolcher Erwähnung, welche dem Vater die Pflicht auferlegen, den Sohn geiſtig und körperlich ausbilden zu laſſen ¹⁰). Derartige geſetzliche Beſtimmungen werden von

³) Protag. 342, d, e.

4) Hipp. mai. 284, b, c.

) Rep. VIII, 552, d, e.

) Theag. 122, b.

7) Ibid. 127, d. 35

³) Xen. Memorab. IV, 4, 22.

*) Theaet. 153, b.

¹0) Criton. 50, d: 4» uoud*h ad utvadta audeueev.