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1. Theil (1868)
Entstehung
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verfahren ſei, hat Hermann augegeben ¹s); er ſagt nämlich:Man darf nicht vergeſſen, daß auch die erwieſene Möglichkeit einer Fälſchung noch nicht die Gewißheit derſelben mit ſich bringt, und wo ein ver⸗ jährter Beſitzſtand vor uns liegt, der Beweis demjenigen zufällt, der ihn zu ſtören unternimmt. Unter allen aufgetauchten Verdächtigungen iſt für meine Aufgabe keine von größerer Wichtigkeit als die, welche die Aechtheit der Geſetze in Zweifel ſtellt. Schon Aſt hat dieſelben in ſeiner abſprechenden Manier mit den Worten abgethan, daß der Kenner des ächten Platon nur Eine Seite in den Geſetzen zu leſen brauche, um ſich zu überzeugen, daß er einen maskirten Platon vor ſich habe; am ſchärfſten wurde ihre Aechtheit von Zeller angefochten; jedoch hat dieſer ſpäter die Erklärung abgegeben, daß ihm die Unächtheit der Geſetze nicht mehr eben ſo feſt ſtehe, wie früher ¹2). Aus Gründen, welche weitläufig zu entwickeln hier der Ort nicht iſt, halte ich die Geſetze entſchieden für ächt, ſogar für ein in mehrfacher Hinſicht vor allen übrigen ausgezeichnetes Werk und trage daher kein Bedenken, die in denſelben über Erziehung ausge⸗ ſprochenen Lehren in gleicher Weiſe wie die der Politeia als platoniſch zu betrachten. Wenn in Folgendem einmal unzweifelhaft unächte Schriften, wie Theages, Anteraſten und Kleitophon, citirt werden, ſo ſind dieſelben nur deshalb beigezogen, weil ſie möglicherweiſe aus Platon's Zeit herrühren können ²⁰¹).

II ¹).

Unter griechiſcher Bildung verſteht man vorzugsweiſe die atheniſche, was auch ganz natürlich iſt, da ſowohl über die einſchlägigen Verhältniſſe in anderen Staaten keine genauen Nachrichten vorliegen, als auch in Athen griechiſche Bildung ſich zur ſchönſten Blüthe entfaltete, ſo daß ſelbſt Platon, trotz ſeiner Vorliebe für den Dorismus, ſeinen Landsleuten in dieſer Beziehung den Vorzug einräumt. Für Zucht und Gewöhnung dagegen iſt ihm Sparta ein Vorbild, während hinſichtlich des Unterrichts die Spartaner als ungebildet bezeichnet werden. So ſagt Hippias auf die Frage des Sokrates, ob die Lacedämonier etwas über Geometrie hören wollten, dazu hätten ſie durchaus keine Luſt, denn viele von ihnen könnten nicht einmal zählen ²). Dieſe geringe Bildung der Spartaner wird auch von anderen alten Schriftſtellern behauptet, ſo von Iſokrates und Ariſtoteles, welcher letztere ihnen ſogar den Vorwurf macht, daß ſie ihre Kinder zu thieriſcher Wildheit erzögen und ihnen in den nothwendigſten Dingen keinen Unterricht zu Theil werden ließen. Mit dieſen geringſchätzigen Urtheilen über ſpartaniſche Bildung ſteht eine Aeußerung des

46) a. a. O., S. 411.

¹6) Zeller, Philoſophie der Griechen, 2. Theil, Tübingen 1846, S. 329.

²⁰) Es möge hier ein Umſtand, der von jeher den Erklärern Platon's große Schwierigkeiten bereitet hat, Erwähnung finden. Viele der Dialoge ſchließen bekanntlich nicht mit einem beſtimmten Reſultate, ſondern brechen ſcheinbar ohne Ergeb⸗ niß mitten in der Unterſuchung ab, ſo daß der Leſer über die Anſicht Platon's im Zweifel bleibt. So meint z. B. Krauſe, im Protagoras ſei gezeigt, daß die Tugend nicht lehrbar ſei, während Deuſchle(in ſeiner Ausgabe des Prot., S. 120) das Gegentheil als nachgewieſen annimmt, eine Anſicht, welche mit Recht von der Mehrzahl der Erklärer getheilt wird. Aehnliche Zweifel ruft die eigenthümliche Vereinigung des Scherzes und Ernſtes hervor, bei welcher es in manchen Dialogen, wie im Kratylos, ſich kaum ermitteln läßt, wo erſterer aufhört und letzterer anfängt.

¹) Ich habe es vorgezogen, die Beweisſtellen nicht im Urtext, ſondern Deutſch mitzutheilen. Ein großer Theil der⸗ ſelben iſt in kürzerer Faſſung gegeben, andere ſind, zum Theil mit geringer Abänderung, der Ueberſetzung von H. Müller entnommen. Platon's ſämmtliche Werke, überſetzt von H. Müller, mit Einleitungen begleitet von K. Steinhart, 7 Bde, Leipzig 1850 1859. Durch die vortrefflichen, höchſt geiſtreichen Einleitungen Steinhart's iſt das Verſtändniß der platoniſchen Werke um ein Bedeutendes gefördert worden.

²) Hipp. mai. 285, c. Protag. 342, b, macht Sokrates ironiſch Kreta und Sparta zu Sitzen der Sophiſtik und behauptet, die Spartaner ſtellten ſich nur, als ſeien ſie ungebildet, sx½arldorrat duasde dwqa.