Druckschrift 
1. Theil (1868)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

worden. Ebenſo haben die Verfaſſer philoſophiſcher wie ſtaatswiſſenſchaftlicher Werke auf die Pädagogik Platon's Rückſicht genommen. Jedoch benntzen die meiſten derſelben vorzugsweiſe nur die Politeia, weil in dieſer das Erziehungsſyſtem am vollſtändigſten niedergelegt iſt, und ſchenken den übrigen Schriften, unter welchen in dieſer Beziehung die Geſetze nicht minder wichtig ſind, nur gelegentliche Beachtung. Faſt in allen Dialogen aber finden ſich Stellen, welche uns theils Platon's eigene Gedanken über Erziehung und Unterricht überliefern, theils Andeutungen darüber enthalten, wie beide zu ſeiner Zeit beſchaffen waren. Häufig begegnet man nun in geſchichtlichen Werken über alte Pädagogik dem Fehler, daß Stellen, welche die theoretiſche Erziehung betreffen, zur praktiſchen Erziehung gerechnet werden, d. h. daß das, was Platon in der Politeia oder in den Geſetzen als in ſeinem Staate einzuführend bezeichnete, als in den griechiſchen Staaten, beſonders in Athen, eingeführt angeſehen wird. Da ich mir vorgenommen habe, aus platoniſchen Stellen ſowohl ein ungefähres Bild der Erziehung und des Unterrichts zur Zeit Platon's als auch eine Darſtellung ſeines Erziehungsſyſtems zu geben, ſo werde ich in dieſem erſten Theile nur diejenigen Stellen berückſichtigen und anführen, welche auf die praktiſche Erziehung Bezug haben, alſo ſolche, welche auf damals beſtehende Verhältniſſe und Einrichtungen hinweiſen, über welche der Schrift⸗ ſteller ſich theils zuſtimmend theils mißbilligend äußert. Das Syſtem der Erziehung aber ſoll hier noch nicht beſprochen werden, doch hoffe ich dies ſpäter thun zu können, und vorliegende Arbeit mag gleichſam als eine Einleitung gelten, durch welche eine Vergleichung von Platon's Forderungen mit den Zuſtänden ſeiner Zeit erleichtert werden ſoll..

Obgleich für meine Aufgabe die Frage nach der Aechtheit der einzelnen unter Platon's Namen überlieferten Schriften von Wichtigkeit iſt, ſo kann ich doch hier weder auf Specialitäten näher eingehen, noch das Für und Wider bei jedem einzelnen Werke erörtern. Im Allgemeinen iſt man jetzt von der früher graſſirenden Verdächtigungswuth, in welcher ſich beſonders Aſt ausgezeichnet hat, ziemlich zurück⸗ gekommen. Die Kritik wird auf beſonnene Weiſe geübt und es iſt nicht mehr dem ſubjectiven Ermeſſen überlaſſen, nach ſouveränem Gutdünken über Aechtheit oder Unächtheit zu urtheilen. Zwar brachte jenes abſprechende Treiben inſofern Nutzen, als es zu einer genaueren Prüfung der platoniſchen Schriften und zu dem Fortſchritt der Kritik ſelbſt Veranlaſſung ward. Der Eindruck, den dieſer oder jener aus dem betreffenden Werke erhalten zu haben glaubt, gibt nicht mehr den Hauptmaßſtab der Beurtheilung ab. Denn wie weit in dieſer Beziehung die Anſichten auseinander gehen können, davon will ich nur zwei Beiſpiele anführen. In dem Parmenides, in welchem Proklos alle Geheimniſſe der Gotteslehre ſuchte, und welchen Marſilius Fieinus für ein himmliſches Werk erklärte, in welchem die ganze Theologie umfaßt ſei, ſo daß derjenige, welcher es zu leſen unternehme, ſich hierzu durch Nüchternheit und Geiſtesfreiheit vorbereitet haben müſſe, findet Tiedemann nur einen Haufen dunkler Sophismen, Socher ¹⁰) wirft ihn zugleich mit dem Sophiſten und Politicus zu der Schaar der unächten, während K. Fr. Hermann ¹*¹) darineins der Meiſterwerke ſpeculativen Scharfſinns, das einen unſterblichen Fortſchritt der philoſophiſchen Einſicht enthält erblickt. Den erſten Alkibiades, welcher den Neuplatonikern als eine der reinſten Quellen platoniſcher Weisheit galt, erklärt Schleiermacher, dem Aſt bereitwillig zuſtimmt, für des Platon völlig unwürdig. Dieſe Beiſpiele, welche leicht noch vermehrt werden könnten, mögen hinreichen, um darzuthun, wie das ſubjective Gefühl nicht mit Sicherheit über die Aechtheit einer Schrift entſcheiden kann, indem häufig der Eine da ein mißrathenes Werk eines unverſtändigen Nachahmers findet, wo der Andere himmliſche Weisheit zu ſehen glaubt. Die richtige Weiſe, wie bei einer Unächtheitserklärung zu

¹3) Socher, über Platon's Schriften, München 1820. ¹⁷) K. Fr. Hermann, Geſchichte und Syſtem der platoniſchen Philoſophie, 1. Theit, Heddelberg 1839.