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liche Lebensbild des Sokrates ohne Eindruck vorüber gehen? Dieſer Mann, der in ſeinem eigenen Leben Wort und That zum ſchönſten Einklang brachte und ſo die ächt helleniſche Harmonie in ſich darſtellte 8), vor dem allein Alkibiades Scham empfand ⁹), wie erhaben erſcheint er in ſeiner Vertheidigungsrede, in welcher er erklärt, daß es dem tüchtigen Manne gezieme, die einmal eingenommene Stelle zu behaupten und der Gefahr zu trotzen, ohne den Tod oder ſonſt irgend etwas Schmachvolles zu beachten 10). Mit welcher Feſtigkeit der Ueberzeugung ſpricht er es aus, daß, ſelbſt wenn ihn die Athener unter der Bedin⸗ gung freilaſſen würden, daß er mit Lehren aufhöre, daß er aber, wenn er damit fortfahre, ſterben müſſe, er doch nicht ablaſſen werde, ſie zu ermahnen und zurecht zu weiſen, denn er werde Gott mehr als den Menſchen gehorchen ¹¹). Eine wahrhaft chriſtliche Geſinnung zeigt er in dem Ausſpruche, daß Unrecht⸗ leiden beſſer ſei als Unrechtthun und daß es für den Schlechten kein größeres Unglück gebe, als ungeſtraft im Unrecht zu verharren; der Edle und Wackere ſei für glücklich, der Ungerechte und Schlechte für elend zu halten ¹²). Welches Beiſpiel ächter Bürgertugend gibt er dadurch, daß, obgleich er den Spruch, der ihn verurtheilt, als einen ungerechten erkannte, er doch demſelben ruhig ſich unterwirft, weil beſtehende geſetzliche Beſtimmungen und geſetzliche Formen dabei beobachtet worden waren. Wie getroſten Sinnes geht er dem Tode entgegen, ſo daß er ſeinen Freunden glücklich erſcheint und ſie annehmen müſſen, daß auch in der Unterwelt er, wenn irgend ſonſt einer je, ſich wohl befinden werde ¹³). Auf eine von dem Gifte der Blaſirtheit noch nicht angefreſſene Jugend muß eine ſo edle Perſönlichkeit die nachhaltigſte Wirkung ausüben, muß ſie erwärmen, begeiſtern und zur Nacheiferung anſpornen.
Bei einer Würdigung der pädagogiſchen Bedeutung Platon's dürfen auch die Schattenſeiten, welche naturgemäß mit ſo großen Vorzügen verbunden ſind, nicht unerwähnt bleiben. Er ſpricht manche Anſichten aus, welche durchaus nicht zu billigen ſind. So betrachtet er die Ehe in unwürdiger Weiſe nur als ein Mittel zur Fortpflanzung und ſetzt das Weib, obgleich er es durch Erziehung und Unterricht über den Standpunkt ſeiner Zeit heben will, durch die in dem Staate gelehrte Weibergemeinſchaft ſelbſt noch unter den damaligen Culturzuſtand herab. Ebenſo verwerflich iſt ſeine Kaſteneintheilung, die ſchon in pädagogi⸗ ſcher Hinſicht deshalb nicht gebilligt werden kann, weil ſie den dritten Stand von der Erziehung aus⸗ ſchließt. Hiermit hängt die unnatürliche Lehre von der Aufhebung des Eigenthums ſowie die ariſtokratiſche Geringſchätzung der Händearbeit und des arbeitenden Standes zuſammen, Anſichten, welche für unſere Zeit, in welcher die Bildung möglichſt zu einem Gemeingute Aller werden ſoll, jegliche Berechtigung ver⸗ loren haben.
Obgleich die Schriften Platons gewöhnlich um ihrer philoſophiſchen und ſprachlichen Bedeutung willen bearbeitet werden, ſo iſt doch auch von Vielen theils in Monographien ¹⁴), theils in Werken über Geſchichte der alten Erziehung ¹⁵) ihr pädagogiſcher Inhalt mehr oder minder ausführlich behandelt
³) Lach. 188, d. ) Symp. 216, b. ¹⁰) Apolog. 28, d. ¹u) Ibid. 29, e, d. ¹²) Gorg. 470, e. ¹3) Phaedon. 58, e. 4 ¹⁴) Z. B. Kapp, Platon's Erziehungslehre oder deſſen praktiſche Philoſophie, Minden und Leipzig 1833.— Vol⸗
quardſen, Platon's Idee des perſönlichen Geiſtes und ſeine Lehre über Erziehung, Schulunterricht und wiſſenſchaftliche Bildung, Berlin 1860.
¹3) Cramer, Geſchichte der Erziehung und des Unterrichts im Alterthume. 1. Bd. praktiſche Erziehung, Elberfeld 1832. 2. Bd. theoretiſche Erziehung, Elberfeld 1838. 1


