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1. Theil (1868)
Entstehung
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Ausbildung herſtellte, und, obgleich er, jedem banauſiſchen Treiben feind, die Rückſichtnahme auf das Bedürfniß des praktiſchen Lebens ausdrücklich abwies, Männer von ſchneller Auffaſſung und entſchloſſenem Handeln heranbildete, ſo daß Krauſe) mit vollem Rechte einige Punkte aufzählt, in welchen die neue Pädagogik von der alten noch Vieles zu lernen habe.

Mit der Frage nach der pädagogiſchen Bedeutung der platoniſchen Schriften ſteht die nach der Anwendbarkeit derſelben im Jugendunterrichte in Zuſammenhang. Ein großer Theil iſt nämlich entweder wegen der Schwierigkeit des Verſtändniſſes oder wegen des in mancher Beziehung der jetzigen Anſchau⸗ ungsweiſe anſtößigen Inhalts zur Schullectüre nicht geeignet, ſo daß eine Auswahl ſtattfinden muß. So wurde in der Philologenverſammlung zu Wien 1858 von Bonitz folgende Theſe geſtellt:Von den Schriften Platons eignen ſich zur Lectüre auf der oberſten Stufe des Gymnaſiums: die Apologie des Sokrates, Kriton, Laches, Protagoras, Gorgias; zuläſſig ſind Euthyphron und Menexenus; von den übrigen platoniſchen Schriften iſt keine zur Gymnaſial⸗Lectüre geeignet. Die Mehrzahl der Anweſenden erklärte ſich hiermit einverſtanden; einige jedoch wünſchten, daß auch Phädon aufgenommen werde, welcher ſowohl über das Lebensende des Sokrates herrliche Stellen enthalte, als auch durch die Lehre von der Unſterblichkeit der Seele viele Berührungspunkte mit dem chriſtlichen Glauben darbiete, worauf entgegnet wurde, daß gerade die beweiskräftigen Stellen dieſer Schrift auf ſo ſchwierige Theile der Ideenlehre gegründet ſeien, daß dieſelben kaum zur Klarheit gebracht werden könnten. Der mir ſehr beachtenswerth erſcheinende Vorſchlag Wieſe's, in Chreſtomathien Probeſtücke ſo zuſammenzuſtellen und zu verbinden, daß aus ihnen ein ganzes lebensvolles Bild des Sokrates ſich ergebe, fand keine Unterſtützung. Uebrigens ſind die in der Bonitz'ſchen Theſe aufgezählten Dialoge diejenigen, welche, wie die Programme nach⸗ weiſen, in Schulen ſchon früher am häufigſten geleſen wurden und noch geleſen werden. Zuweilen kommen auch andere vor, wie Phädon, Charmides, ja ſelbſt Sympoſion und Politeia. Deinhardt) behauptet nach eigener Erfahrung, daß ſich Protagoras, Sympoſion und Phädon vollkommen zur Schullectüre eignen; mancher Lehrer könne wohl auch noch Phädrus, Lyſis und Philebus wählen. Da ich leider noch nicht mit Schülern platoniſche Dialoge zu leſen Gelegenheit hatte, ſo bin ich nicht im Stande mit eigener Erfahrung derjenigen Deinhardt's entgegenzutreten; doch hege ich hinſichtlich des Gaſtmahls großes Bedenken; denn obgleich ich daſſelbe für das herrlichſte und vollendetſte der platoniſchen Werke, als eine in ihrer Art einzig daſtehende Geiſtesſchöpfung anſehe, ſo bezweifele ich doch, daß man mit der Jugend ein Buch leſen kann, in welchem ſo vieles Anſtößige vorkommt, daß Alkibiades ſelbſt auffordert, man möge ihm das, was er erzähle, nicht verdenken, und wenn ein Uneingeweihter und Ungebildeter da ſei, ſolle er⸗ ſein Ohr mit wohlverwahrten Pforten verſchließen ²). Phädrus und Philebus halte ich für zu ſchwierig, als daß ſie mit Schülern geleſen werden könnten; beſonders mit letzterem möchte ich das Wagniß nicht unternehmen, da er ſowohl hinſichtlich ſeiner Form vernachläſſigt erſcheint und der lebendigen dramatiſchen Behandlung entbehrt, als auch ſo ſchwer zu verſtehen iſt, daß ich das Bekenntniß ablegen muß, daß mir viele Stellen in demſelben dunkel geblieben ſind. Jedenfalls aber iſt in denjenigen Werken, welche in Schulen geleſen zu werden pflegen, eine ſolche Fülle von herrlichen Gedanken enthalten, daß dieſelben nicht nur eine Vorſchule für das Studium der Philoſophie bilden, ſondern auch ihrem ethiſchen Inhalte nach einen mächtigen ſittlichen Einfluß äußern werden. Wie ſollte bei richtiger Behandlung dieſer Lectüre, welche natürlich nicht dazu benutzt werden darf, um Grammatik zu treiben, an einem Jüngling das herr⸗

) Krauſe, Geſchichte der Erziehung, des Unterrichts und der Bildung bei den Griechen, Etruskern und Römern, Halle 1851, S. 25.

) In Schmid's Encyklopädie des Erziehungs⸗ und Unterrichtsweſens, 6. Bd. unter Plato. ) Symp. 218, b.