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keineswegs etwas ſo Schlimmes und Arges, noch der Uebel größtes, ſondern das Vielkennen und Viel⸗ wiſſen, unter ſchlechter Leitung erlangt, bringt viel größeren Schaden“ ²). Aber nicht bloß das eigene Syſtem Platon's iſt aus ſeinen Schriften zu entnehmen, ſondern durch die vielfache Bezugnahme auf die zu ſeiner Zeit übliche Art der Erziehung und des Unterrichts wird er für den damaligen Zuſtand beider zum ſicherſten Gewährsmann. Endlich haben die meiſten ſeiner Schriften auch inſofern eine pädagogiſche Bedeutung, als ſie einen unterrichtenden Charakter an ſich tragen und zum Theil Muſter der Katecheſe ſind. In dieſer zeigt ſich Sokrates unübertrefflich, welcher, indem er ſeine Gedankenentbindungskunſt zur Anwendung bringt, durch richtige Frageſtellung die richtige Antwort hervorzurufen weiß. Stufenweiſe ſchreitet er vom Nahen zum Entfernteren, vom Leichten zum Schwereren fort und ſucht Ueberſinnliches durch dem gewöhnlichen Leben entnommene Gleichniſſe klar und anſchaulich zu machen. Dieſe Eigenſchaft der Geſpräche des Sokrates iſt in der Rede des Alkibiades ³) geſchildert:„Sokrates ſpricht von Laſteſeln, Schmieden, Schuſtern und Gerbern und ſcheint fortwährend in denſelben Ausdrücken daſſelbe zu wieder⸗ holen, ſo daß jeder damit Unbekannte und Gedankenloſe dieſe Reden wohl lächerlich finden dürfte; ſieht ſie aber Jemand der Umhüllung bar und dringt in ihr Inneres ein, dann wird er finden, zuerſt, daß ſie allein von allen Reden einen tiefen Sinn in ſich bergen, und dann, daß ſie vor allen göttlich ſind, ſehr viele Tugendbilder in ſich enthalten und auf Vieles, ja vielmehr auf Alles hinweiſen, was dem zu bedenken geziemt, der ein ſittlich guter, edler Menſch werden will.“
In welcher Hinſicht manche der von Platon aufgeſtellten Lehren für die jetzigen Verhältniſſe noch Gültigkeit haben, dies mag hier mehr angedeutet als ausführlich beſprochen werden. So fordert er mit Beſtimmtheit die Kindergärten ⁴), welche gewöhnlich als eine ganz moderne Erfindung betrachtet werden; wie ganz für unſere Zeit paſſend legt er die Nothwendigkeit der Gymnaſtik, der Turnkunſt, dar; ſelbſt ſein Nachweis von dem hohen Werth des Unterrichts in Mathematik iſt nicht überflüſſig geworden, da dieſe Disciplin zuweilen noch mit ſolchen Vorurtheilen zu kämpfen hat, daß ein Mann wie C. L. Roth ſie in den Gymnaſien nur facultativ zulaſſen will und das Rechnen unter die„Fertigkeiten“ gezählt hat. Daß auch gewiſſe ſtaatliche Einrichtungen der Neuzeit auf Platon zurückzuführen ſind, ergiebt ſich daraus, daß er nicht nur der Erfinder der ſtehenden Heere iſt, ſondern auch in der allgemeinen Wehrpflichtigkeit ein neuerdings oft hervorgehobenes pädagogiſches Moment erkannt hat. Ueberhaupt faßt er bei allen Einrichtungen deren pädagogiſche Bedeutung ins Auge und findet z. B. eine ſolche ſelbſt in den Trink⸗ gelagen, weil ſie dem Manne Gelegenheit geben gegen ſeine Leidenſchaften anzukämpfen und ſich in Selbſt⸗ beherrſchung zu üben. Demnach bewegt ſich Platon durchaus nicht in unfruchtbaren Speculationen, wie Viele, die ihn nicht genauer kennen, anzunehmen geneigt ſind und„platoniſch“ und Hirngeſpinnſt“ als gleichbedeutend faſſen, ſondern er ſteht vollſtändig auf dem Boden der Wirklichkeit, ſo daß aus ihm einige Uebelſtände, an welchen unſer Schulweſen krankt, ſich leichter erkennen laſſen. Ich erinnere hier nur an die jetzt ſo verbreitete Anſicht, daß die Schule gleichſam eine Einübungsanſtalt für das praktiſche Leben ſein ſolle, in welcher nur das gelehrt und gelernt werden dürfe, was ſpäter in dem„Geſchäft“ praktiſch zu verwerthen ſei, ſowie an die Ueberbürdung unſerer Lehrpläne mit Fächern aller Art, durch welche die Einheit des Unterrichts ſo ſehr Noth gelitten hat, daß auch die vielfach verſuchte Concentration mmeiſt erfolglos geblieben iſt. Welchen Gegenſatz hierzu bildet die Einfachheit des griechiſchen Unterrichts, der bei ſeiner Beſchränkung auf wenige Fächer ein ſchönes Gleichgewicht zwiſchen geiſtiger und körperlicher
²) Leg. VII, 819, a. ³) Symp. 221, e— 222, a. ⁴) Leg. VII, 794, a. 1


