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Jetzt am wenigsten, wo auf Deutschlands Thron ein so kirchlich gesinnter Herrscher wie Lothar saſs, konnte er gemeint sein, eine so geschlossene, drohende Macht in der unmit- telbaren Nähe Roms entstehen zu lassen. Er wies daher alle Anerbietungen Rogers kurzweg ab und begab sich selbst auf den Kriegsschauplatz, um den Kreuzzug gegen den Sicilier zu organisieren. Wiederholt sprach er über ihn und seine Anhänger den Bann aus, allen, die in dem Kampfe fallen würden, verhiefs er vollständige Vergebung ihrer Sünden, allen Teilnehmern des Zuges den Erlals der halben Sündenschuld¹). Es gelang ihm, alle diese verschiedenen
Köpfe unter einen Hut zu bringen, die Fürsten von Capua und Bari, die Grafen von Andria,
Conversano, Ariano, Avellino*) u. a. gegen den gemeinsamen Feind zu vereinigen. Allein Ro- ger, wie er denn nie alles auf einen Wurf zu setzen liebte, wich behutsam aus, zog sich in die Berge zurück, bot dem feindlichen Heere keine Gelegenheit zum Schlagen. Dieses Tem- porisieren, mehr noch die glühende Julisonne und Mangel an Nahrungsmitteln ³) lieſs das päpst- liche Heer zusammenschmelzen wie Schnee vor der Sonne. Der schwächliche Robert von Ca- pua, die zuchtlosen Barone, diese bittere Erfahrung mufste der Papst jetzt machen, waren durchaus unzuverlässig, in diesem kritischen Augenblicke, wo für sie alles auf dem Spiele stand, zeigten sie sich ihrer Aufgabe nicht gewachsen, kaum ein volles Verständnis der Lage. Und wie, wenn Deutschland wieder in den alten Gegensatz trat? Dann führte Guiscards Herzogs- schwert doch wol am wirksamsten der Graf von Sicilien. Der Papst beschlofs zu retten was noch zu retten war. Am 22. August 1128 belehnte er den Sicilier mit dem Herzogtum Apu- lien, wogegen dieser den Lehnseid leistete. Benevent blieb in päpstlichem Besitz, die Selb- ständigkeit Capuas wurde gewahrt*).
Das Verhältnis der Curie zu dem neuen Herzog war ziemlich befriedigend. Da der sehnlichst erwartete deutsche König durch die Wirren in Deutschland voraussichtlich noch längere Zeit zurückgehalten wurde, in Oberitalien der staufische Gegenkönig) der Curie groſsen Abbruch that, so suchte sie in ihm eine Stütze und fand sie bereitwilligé), da er selbst die Curie noch nicht entbehren konnte.
Denn noch waren die Barone niederzuschlagen. Da Fürst Robert sich jedoch ruhig hielt und Graf Rainulf vom Herzoge gewonnen wurde!), so gelang es in verhältnismäſsig kur- zer Zeit. Im Sommer 1129 war die Ruhe im grofsen und ganzen hergestellt, hatten die Ba- rone sich unterworfen. Im September desselben Jahres hielt der Herzog zu Melſi) einen
¹) Falco ad ann. 1127.— Vergl. darüber auch noch die apulischen oder, wir mlr scheint, Tarentiner Annalen, welche uns in der Interpolation bei Romoald(Mon. Germ. Scr. XIX, 419) erhalten sind.
2) Graf Rainulf hatte seinen Schwager verlassen, sei es, dals dieser seine Versprechungen nicht ge- halten, sei es, weil der Papst ihn gebannt, wie Abt Alexander sagt: lib. 1, 8. Del Re 1, 93.
³) Falco ad a. 1128. Del Re 1, 199. Alexander Telesin. 1, 14. Del Re 1, 95.
4) Falco ad ann. 1128. Del Re 1, 200. 5) Giesebrecht, Kaiserzeit 4, 53.
6) Der Papst nahm 1129 Rogers Hilfe gegen die Beneventaner in Anspruch, die eine communitas aufgerichtet und den päpstlichen Rektor ermordet hatten. Sie wurde bereitwillig zugesagt. Falco ad ann. 1129. Del Re 1, 201. 7) Alexander Teles. 1, 19. Del Re 1, 98.
8) Die Tarentiner Annalen bei Romoald Mon. Germ. Ser. XIX p. 419 z. J. 1130.— Alex. Teles. 1, 21. Del Re 1, 99 bringt die genauen Bestimmungen des Landfriedens und preist seine segensreiche Wirkung.


