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1 (1882) Sicilianische Untersuchungen
Entstehung
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lien. Deren Hilfe war erwünscht und erfolgreich, aber sie wurde natürlich nicht umsonst ge- währt; schwere Opfer mulsten gebracht werden, nach und nach erwarben die Sicilier auf diese Weise die Besitzungen der apulischen Herzoge in Sicilien und die andere Hälfte Kalabriens. Und gelang es so, die herzogliche Gewalt vor dem Aeussersten zu bewahren, so gelang es ihr nicht die häufigen wilden Privatfehden, unter denen das Land entsetzlich litt, zu unterdrücken, nicht den aufstrebenden Freiheitstrotz der reichen Seestädte ¹) Apuliens niederzuhalten. All- gemein, endlos sind die Klagen der Zeitgenossen über diese trostlosen Zustände: Mord, Raub und Brand herrschten im Lande, die Kirchen wurden zerstört und auch die Klöster nicht ge- schont. Die Sache wurde womöglich noch ärger, als Herzog Wilhelm, der Letzte seines Na- mens, ins Grab sank. Sofort begann ein Kampf Aller gegen Alle, die mächtigen Herren griffen zu, wo sie konnten, die Städte erhoben sich und legten die herzoglichen Burgen nieder ²), kein Landmann war mehr sicher auf dem Felde, kein Wanderer auf der Strafse. So war der Zu- stand Apuliens, als der Graf von Sicilien Anspruch auf die Erbfolge erhob.

Sieilien.

Ganz anders lagen die Verhältnisse in Sicilien. Um zu verstehen, wie diese entstan- den und sich entwickelt haben, ist es nötig, zunächst die ethnographischen Verhältnisse bei Beginn der Eroberung, ihre Verschiebung durch dieselbe ins Auge zu fassen und dann zu untersuchen, wie Graf Roger I auf diesem Grund und Boden das stolze Gebäude seine Staates aufführte.

Am Ausgang des 12. Jahrhunderts hatte sich zweifellos auf der Insel ein nicht unbe- deutender Teil der alten italischen und griechischen Bevölkerung erhalten. Die Seltenheit der Berichte, die Khnlichkeit der Eigennamen bei Byzantinern und Sicilianern einerseits, wie bei den Bewohnern Süditaliens andererseits, die Existenz der verschiedenen Stämme neben einander am selben Orte, oft im selben Dorfe machen es allerdings schwer, die Existenz dieser beiden Stämme zu beweisen. Doch finden sich in den Rollen der villani(Hörigen), die aus dem Ende des elften und Anfang des zwölften Jahrhunderts stammend, in einzelnen Bezirken sich erhalten haben, neben arabischen und griechischen Namen auch solche von lateinischem Gepräge, wie Campalla, Donus, Subula, Currucani, Notari, Luce³). Diese Hörigen waren sicher nicht mit den Er- oberern von der Terra ferma gekommen. Oft ist auch ein lateinisches oder griechisches Patro-

¹) Vor allem Bari. Es schliefst 1122 mit Venedig ein Bündnis, vergl. Marin Sanudo, vite de'duchi di Venezia bei Muratori scriptor. XXII col. 964. Sanudo setzt die Urkunde fälschlich auf 1125. Die unab- hängige Stellung der Stadt ist besonders erkennbar aus dem Privileg von 1132 bei Ughelli, Italia sacra VII, 612, der es falsch auf 1102 setzt, doch scheint mir dies Privileg nicht unverdächtig.

²) So Troia und Melfi nach Alexander Telesin I, 24 bei Del Re 1, 101. König Roger stellte sie später wieder her.

³) Amari, storia dei Musulmani di Sicilia. III, p. 205. Firenze 1868. Ein Werk von hervorragend- ster Bedeutung und zugleich eine politische That, da es den partikularistischen Träumereien von einer eigenen sicili anischen Nationalität gründlich ein Ende macht.