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1 (1882) Sicilianische Untersuchungen
Entstehung
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militum nannte und bis zuletzt seine Urkunden nach den Regierungsjahren der byzantinischen Kaiser zu datieren pflegte. Faktisch war dieses Abhängigkeitsverhältnis längst gelöst. Von Bedeutung war eigentlich nur die Stadt Neapel durch ihre starke Befestigung!).

Das Gebiet des Fürstentums Benevent war längst von vielen normannischen Baronen okkupiert, die Stadt selbst in Faktionen gespalten und ohne feste Regimentsordnungen, ver- suchte bald nach dem Beispiel der oberitalischen Städte eine communitas zu gründen*), bald erkannte sie die unsichere und ferne Herrschaft des apostolischen Stuhles an. Kämpfe, welche der Notar Falco in seiner köstlichen Stadtchronik aufs lebendigste schildert.

Dagegen hatte sich das Fürstentum Capua, welches ziemlich genau den Umfang der späteren Provinz Terra di Lavoro erreichte, trotz der Bemühungen Guiscards, in seiner Unab- hängigkeit behauptet ³).

Standen diese Fürstentümer unabhängig neben dem Herzogtum und waren sie der Natur der Sache nach ihm gerade nicht übermäſsig wohlwollend gesinnt, so waren sie die natürliche Stütze der grofsen Lehnsträger des Herzogtums. Und dieser mächtige kriegerische Adel meist normannischer Abstammung war sehr zahlreich. Das ausgedehnteste Gebiet besagt Boemunds Familie), ziemlich genau der Provinz Terra d'Otranto entsprechend. Die apulischen Städte, mit Ausnahme des mächtigen Bari waren in den Händen dieser groſsen Herren. Der Graf von Conversano war Herr von Brindisi, Ruvo, Monopoli, der von Avellino besaſs die ganze Valle Caudina, Alife, Airola, S. Agata de' Goti, in Bari erhob sich ein Oberhaupt mit dem Titel eines Fürsten in der Zeit des grofsen Kampfes, mächtig auch waren die Grafen von Loritello, Monopello, Ariano, Andria, Montescaglioso, Lecce, Chiaromonte und viele andere.

Diese groſsen Barone waren teils Gefährten der ersten Eroberer gewesen, teils waren sie Nachkommen dieser selbst, der Söhne Tankreds von Hauteville. Da sie an der Eroberung gleichen Anteil gehabt und gleiche Hilfe und Beistand dazu geleistet hatten, konnten sie ge- wissermaſsen mit Recht behaupten, daſs sie nicht der Verleihung eines andern, sondern ihrem Schwerte und ihrer Tapferkeit allein ihre so grofsen und mächtigen Besitzungen verdankten. Dazu kam, dals viele von ihnen mit der regierenden Familie verschwägert waren. So hatten z. B. Emma und Matilde, zwei Schwestern des Grafen von Sicilien, die Grafen von Monte- scaglioso und Avellino geheiratet, Wilhelm von Grentmesnil eine Schwester Guiscards zur Ehe-

Allerdings, zu Roberts Lebzeiten, wagten diese Magnaten noch nicht ihr Haupt zu erheben⁵), aber unter der schlaffen, kraftlosen Herrschaft seiner beiden nächsten Nachfolger versuchten nicht wenige von ihnen ein Joch abzuschütteln, das sie stets mit Widerstreben ge-

¹) Alexander Telesinus lib. III cap. 19(bei Del Re I, 138)... quamobrem adeo ipsa inexpugnabilis constat, ut nisi famis periculo coartata nullatenus comprehendi queat.

) Falco ad a. 1128 bei Del Re 1, 200.

³) Im Südosten reichte das Gebiet von Capua bis Nocera, Palma, Sarno, siehe Alex. Teles. 2, 29. 2, 55. Del Re 1, 112. 122.

4) Raoul v. Caen in seinen Gesta Tancredi cap. II bei Muratori, scriptores V col. 287: ejus imperio quidquid est oppidorum et urbium a Siponto ad Oriolum in maritima omnes, prorsus in montanis et campe- stribus locis omnes fere serviebant etc.

) Was Malaterra bei Caruso p. 222 berichtet, ist doch nur eine ganz vereinzelte Erscheinung.