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1 (1882) Sicilianische Untersuchungen
Entstehung
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Sicilianische Studien.

I. Die Anfänge des Königreichs.

Unter den grolſsen Gestalten unsrer mittelalterlichen Geschichte ist es vor allem die des zweiten Friedrich, die immer wieder Teilnahme erweckt und fesselnden Reiz übt. Einsam steht seine mächtige Gestalt unter den Zeitgenossen, fast wie ein Anachronismus erscheint sie. Und doch muſste auch diese geistige Richtung ihre erklärenden Vorbedingungen haben. Daſs diese nur in den sicilischen, nicht in den deutschen Verhältnissen liegen konnten, war klar, und so ergab sich von selbst die Aufgabe, die Anfänge dieser Monarchie zu untersuchen, eine Aufgabe, die sich bald genug als anziehend erwies. Denn wo wäre in der Welt des Mittelalters eine Stelle, wo ein so reges, so vielseitiges geistiges Leben geherrscht, wo durch das Zusammentreffen dreier Nationalitäten, mehrerer Religionen die Civilisation so farbenreich, so anziehend und zugleich so wenig in den Rahmen kirchlicher Anschauungsweise gespannt war. In dem Antlitz des Ahnen finden wir bald die wohlbekannten Züge des grofsen Enkels wieder, und Schrift- steller wie Hugo Falcandus werfen ein helles Licht auf die geistige Atmosphäre, in der Fried- rich aufgewachsen. Tritt in ihm doch das kirchliche Element so völlig in den Hintergrund; daſs man bisweilen einen Autor der Renaissance vor sich zu haben glaubt.

Unteritalien im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts.

Im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts war die normannische Herrschaft in Unteritalien viel- fach zersplittert. Neben dem Herzogtum Apulien hatten sich noch mehrere unabhängige Fürsten- tümer erhalten. Da war zunächst das Herzogtum Neapel. Sein Umfang) war sehr gering, es umfasste die Stadt Neapel, den Küstenstrich südlich von den phlegräischen Feldern bis Kap Miseno und die nahegelegenen Inseln Procida, ISchia u. s. w. Die Herrschaft war seit Jahrhunderten in den Händen derselben Familie, deren Haupt sich consul, dux oder magister

) Derselbe ergiebt sich aus einer Urkunde Herzog Sergius von 1128 bei Del Gindice, codice dip l. di Carlo I e II d'Angid. Napoli 1863 appendice I dipl. 3.

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