Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

ſcheinlich ſei es, daß Anaximander mehr als dieſes Eine Werk verfaßt habe. Suidas lege ihm mehrere Schriften bei, an deren Titeln man zum Theil die Spuren des Mißverſtändniſſes entdecken könne.

Es wäre von Werth, wenn die Merkmale des Mißverſtändniſſes von Ritter nachgewieſen wären; indeß hat es dieſem Gelehrten nicht gefallen, ſich darüber zu verbreiten. Schleier⸗ macher dagegen leitet die Angabe bei Suidas, daß Anaximander ein Buch unter dem Titel ogio geſchrieben habe, von einem Mißverſtändniſſe der Worte bei Diogenes Laerte agæioceν zureczeuccge ab, worin er weder einen Globus erkennt, weil ſonſt Strabo darüber berichtet hätte noch den Namen einer Anaximandriſchen Schrift, weil er glaubt, daß, wenn Anaximander ein beſonderes Buch 7 16 8 oder ein Buchᷣα, das nicht die Him⸗ mels⸗ ſondern die Erdkugel zum Gegenſtande gehabt, geſchrieben hätte, Strabo nicht ſo deutlich ſagen würde, Anaximander habe die erſte Tafel, Hecataeus aber die erſte geographiſche Schrift geliefert. Alles dieſes ſei offenbar genug durch Mißverſtand aus jener Tafel entſtanden.

Es ſind alſo zwei Hauptpuncte, auf welche ſich Schleiermachers Ideen zurückführen laſſen, nämlich: daß Anaximander nur Eine Schrift, die von Diogenes bezeichnete, verfaßt habe: und daß unter dem von Suidas gebrauchten Worte‿ρ̈ανιοααά kein Globus, keine Schrift zu verſtehen ſei, ſondern die von Strabo erwähnte geographiſche Tafel.

Was nun den erſten Hauptpunct anbetrifft, ſo iſt klar, daß es die Zeitverhältniſſe und die ausdrückliche Weiſung des Themiſtius verkennen hieße, wenn man Anaximander zum Vielſchreiber machen wollte. Die Ehre über philoſophiſche Dinge zuerſt in ungebundener Rede geſchrieben zu haben, kann man indeß für den mileſiſchen Weiſen in Anſpruch nehmen, und doch übrigens der Meinung jener Gelehrten beiſtimmen.

Es hat nichts gegen ſich, in Diogenes Worten: 16 α eφω‿‿σενωkeinen eigent⸗ lichen Titel von Anaximanders Schrift zu erkennen, ſondern vielmehr allgemeine Andeu⸗ tungen der verſchiedenen Objecte, worauf ſich der ſchriftſtelleriſche Verſuch vielleicht in einzelnen und getrennten Abſchnitten bezog. Die Art und Weiſe, wie Diogenes überhaupt von der Abfaſſung der Schrift redet, ſcheint für dieſe Anſicht zu ſprechen, zumal die Ueberſchriften ſolche Dinge und wohl auch in ſolcher Ordnung erwähnen, welche und wie ſie, ihrem innern Zuſam⸗ menhange nach, von der joniſchen Schule oder vorzugsweiſe von Anaximander behandelt werden mochten. Dem Allgemeinſten folgt das Specielle, worauf ſich Anaximanders Eifer am meiſten richtete, Erd⸗ und Himmelskunde. Möglich bleibt es wenigſtens, daß Suidas, durch irgend eine Nachricht geleitet, einzelne, von Anaximander in ſeiner Schrift bearbeitete Gegenſtände angegeben habe, anſtatt ausſchließlich den allgemeinen und gebräuchlichen Titel 6ο qucecs zu nennen, welcher hier und wohl nicht ohne Grund an der Spitze ſteht, wie denn auch Themiſtius dieſen Titel ausdrücklich angiebt.