40
Es bedarf kaum der Erinnerung, daß Anaximanders Verſuch ſehr unvollkommen ſein mußte. Die Anfänge aller Erfindungen ſind roh und höchſt einfach und dieſe Eigenſchaften ſind ſo untrügliche Kriterien der Urſprünglichkeit und früheſten Beſchaffenheit eines Menſchenwerkes, daß, wo ſie fehlen, der Glaube an jene verſchwindet. Das Kunſtgebilde des Mileſiers konnte nur ein Abdruck der Vorſtellungen ſein, welche derſelbe, nach der Einſicht ſeiner Zeit, über das Himmelsgewölbe und die wichtigſten Geſtirne in der Seele trug; es mußte ſeinem Zwecke entſprechen, wenn es jene Vorſtellungen anſchaulich zu machen im Stande war. Sehr natürlich führte die Idee von einem Himmelsgewölbe zur Geſtaltung einer Kugel. Dachte ſich Anaximander dieſe als Hohlkugel, und ſich ſelbſt in deren Mittelpunct verſetzt, ſo mußte uber ſeinem Haupte die Sonne ihren Weg ziehen und ringsum der Himmel ſeine Wunder entfalten. Die Conſtruction einer Hohlkugel mit dem Standpuncte des Beſchauers im Mittelpuncte, wie ſie die neuere Zeit verſucht hat, entſprang daraus nun freilich noch nicht; vielmehr genügte es, eine Kugel zu runden und die Oberfläche derſelben zur Trägerin der Weltkörper zu machen, deren Stellung, Verhältniß und Bewegung zu verſinnlichen im Zwecke lag. Nach Ciceros Angabe) vollzog Thales dieſe Rundung oder bewirkte, was ſich als wahrſcheinlicher herausgeſtellt hat, in Gemeinſchaft mit Anaximander die erſte Ausſtattung der Sphäre. Sie trug aber unſtreitig
die Andeutungen der fünf Zonen, die Thales bereits kannte, den Thierkreis, wie ihn Anaxi⸗
mander berechnet; zeigte die Solſtitien und Aequinoctien, die Tagekreiſe, von denen hernach Anaximenes“*) wieder abging; hatte Sonnen und Sterne in Bahnen gewieſen, und Sternbilder, wiewohl nicht in der Anzahl und Vollſtändigkeit, wie ſie Eudoxus ſpäterhin darſtellte, Aratus“) in ſeinem Gedichte beſchrieb.
1) cf. De republ. I, 14. Vergl. damit F. 9. 2) Schaubach Geſch. d. Aſtr. S. 135. 3) cf.§. 10 Eudox.


