Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

war, das gelehrte Wiſſen zum Gemeingut und einzelne Lehren durch Veranſchaulichung allgemein⸗ faßlich zu machen. Es wäre jedoch thöricht, die Urſache, weshalb ſo Unzureichendes über ihn berichtet wird, von einer Theilnahmloſigkeit der Zeitgenoſſen oder der bald nachher Lebenden an ſeinen Leiſtungen abzuleiten; vielmehr muß die mangelhafte Aufzeichnung ſeiner Lebensumſtände aus der eben erſt beginnenden Entwickelung der Proſa erklärt werden. Das ſcheint vor allem feſtzuſtehen, daß er, ein geborner Mileſier, ein Schüler und Vertrauter des gefeierten Thales, fern von aller zerſtreuenden Sorge für Staatsangelegenheiten, ſeine Thätigkeit ausſchließlich dem wiſſenſchaftlichen Forſchen, ſo wie der Nutzbarmachung des Gefundenen durch Mittheilung und Unterricht zugewendet habe. Die Erzählung Aelians!), nach welcher Anaximander eine mileſiſche Colonie nach Apollonia ausgeführt haben ſoll, wird unſers Wiſſens durch kein anderes Zeugniß beſtätigt. Dagegen ſcheint er ſich mit dem Jugendunterricht eifrig beſchäftigt zu haben, wie Brucker*), mit Verweiſung auf eine ſcharfſinnige Erklärung Heumanns annimmt').

Wie aber im Allgemeinen die joniſche Schule, der er angehörte, die Entſtehung der Dinge, Erd- und Himmelskunde und Mathematik zu Hauptgegenſtänden ihrer Unterſuchungen machte, ſo auch im beſondern Anaximander. Indem er jedoch ſeinen eignen Weg ging, gelangte er auch zu neuen Reſultaten. Erregt es doch ſchon Aufmerkſamkeit, daß er durch Erhebung eines beſondern Ausdruckes dox* zur Bezeichnung des urſprünglichen Grundes des Seyns das klare Bewußtſein von der Nothwendigkeit eines ſtrengen Zurückführens der Dinge auf ein gemeinſames Princip ausſprach, und ſo durch Einführung feſtſtehender Begriffsträger den wiſſenſchaftlichen Forſchungen gewiſſe Haltpuncte, vermehrte Sicherheit und Leichtigkeit gab). Hatte Thales vor ihm das Waſſer zur Grundlage aller Dinge gemacht, ſo ſetzte Anaximander den Urſprung derſelben in das&erεεαοο) d. h. wahrſcheinlich, in eine ewig bewegte Miſchung von allem, was

1) Variae histor. III, 17.

2) Histor. erit. Philos. T. I. p. 478.

3) Nur durch dieſe Annahme gewinnen die Schlußworte in der Erzählung des Diogenes von Laerte: (II, 1. c) 100νh0 ꝙα] ονπντοε 2τανεdoοα³ τα⁶ςσια τ§ uαmσονια †ἀ⁴νιαα B4ι 0010νν εᷣασιον ϑ⁴αετ ταdι‿ eine Rechtfertigung, ja, ein bedeutendes Gewicht. Es bedarf wohl der im Entwickelungsgange der Griechen begründete, wie vom dichteriſchen Vortrag überhaupt, ſo beſonders vom Vortrag der früheſten Philoſophen übliche Gebrauch des Wortes ειυν(ef. Groddeek histor. lit. Gr. T. I p. 6 ff. Wüstemann zu Theoerits Idyll. XXI, 20.) keiner weitern Erörterung. Anaximander, ſcheint es, bediente ſich beim Unterrichte anfangs der gewöhnlichen bilderreichen Vortragsweiſe, fand aber, daß ſie für die Jugend ungeeignet ſei und verſprach, auf ein verſtändlicheres Mittel denken zu wollen. War dieſes die Veranlaſſung zu dem Verſuch, über philoſophiſche Gegen⸗ ſtände in Proſa vorzutragen und zu ſchreiben?

4) Brucker histor. erit. Phil T. I. p. 481 mit Not. X. Ritter Geſch. d. Phil. Th. I. S. 276. Not. 1.

5) Vergl. zu Diog. Laert. II, 1. die gelehrten Ausleger Aldobrandini und Menage. Brucker histor. erit. Phil. I. p. 481. Ritter Geſch. d. Phil. Th. I. S. 276. Beſondere Aufmerſamkeit verdienen die Worte des Ariſtoteles(Metaph. Xil, 2. D. Pag. 1391. Edit. Aurel. Allobrog. 1606), welcher ſich für die chaotiſche Miſchung der Elemente ausſpricht. Tennemann(Geſch. d. Philoſ.), vorzüglich aber Schleiermacher(Abhdlg. der philoſ. Klaſſe der Königl. Pr. Acad. d. Wiſſenſch. Berlin 1815. S. 97) hat ſich mit Genauigkeit und Scharfſinn darüber verbreitet, jedoch mehr wider⸗ legend, als poſitiv lehrend und überall zufriedenſtellend.