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von dergleichen Kunſtwerken ſchon vor Anaximander vorhanden ſein mochten. Von derſelben Anſicht ſcheint auch Fabricius!) ausgegangen zu ſein, der in den Säulen Jachim und Boas vor dem Salomoniſchen Tempel“), in dem Ringe des Oſymandyas zu Theben“), in dem Schilde des Achilles¹) die Anfänge von Welt⸗ oder Himmelskugeln erblickt. Gewiß bleibt, daß alle dieſe Verſinnbildungen, ſo dunkel ſie auch ſein mögen, und ſo viel namentlich Critik und zeitgemäße Kunſtcultur gegen den Homeriſchen Schild einzuwenden hat'), ein Zeugniß ablegen für das natürliche Beſtreben des Menſchen, ſeine Kenntniß von dem Lande, das er bewohnt oder kennt, ſo wie ſeine Vorſtellungen von den Himmelskörpern in Abbildungen niederzulegen. Völker aber, wie Aegypter, Phönicier, Karthager, ſo wie die Bewohner des heiligen Landes, deren Geſchichte eine bedeutende Bildungeſtufe nachweiſet, deren Handels⸗ und Kriegszüge, Pflanzſtädte und Verbindung mit fernen Ländern ſogar die Nothwendigkeit von Abbildungen dieſer Art herbei⸗ führten, hatten unſtreitig manches vorbereitet, was durch den Verkehr auch den Griechen mitgetheilt und von dieſen mit dem ihnen eigenen Talente weiter bearbeitet und wiſſſenſchaftlich vervoll⸗ kommnet wurde.
Fügt man zu dieſen Vorbereitungen noch die allgemeinere Verbreitung der Buchſtabenſchrift, durch deren Anwendung die vorhandenen Kenntniſſe ſicher bewahrt und mitgetheilt werden konnten: ſo ſind die wiſſenſchaftlichen Grundlagen der Zeit vor Anaximanders Erſcheinung im Allge⸗ meinen angedeutet. Sie ſind aber in der That vielſeitig und ausgedehnt genug, um einen Geiſt, der in ſich Scharfſinn, Erfindungskraft und Kenntniſſe trug, zu ungewöhnlichen Leiſtungen zu führen. War Anaximander ein ſolcher Geiſt, ſo durfte Großes von ihm erwartet werden; es fragt ſich demnach:
§. 2.
War Anaximander an ſich fähig, eine Sphäre zu erfinden?
Ohne Bedenken darf auf dieſe Frage eine bejahende Antwort gegeben werden. Allerdings iſt zu bedauern, daß über ſeine Perſönlichkeit eine ausführliche Kunde aus der Frühzeit durchaus fehlt, und daß die Benutzung hier und da zerſtreuter Notizen nur ein mattes Bild von ihm zu geſtalten vermag; indeß ſtellen doch die vorliegenden Zeugniſſe Anaximander als einen wirklich talentvollen, kenntnißreichen Mann dar, welcher mit ruhiger Ueberlegung und Selbſtſtändigkeit im Denken zugleich einen practiſchen, erfindungsreichen Sinn verband, deshalb alſo wohlgeeignet
1) Fabr. biblioth. Gr. IV. p. 456.
2) 1. Buch d. Könige 7, 15 ff. 2. B. 25, 17.— 2. B. d. Chron. 4, 13. Jerem. 52, 21.
3) Ideler(Unterſuchungen über d. aſtr. Beob. der Alten. Berlin 1806. Th. I. S. 68) glaubt zwar auch auf dieſen Ring mit Berufung auf Diodor Sie. I. p. 59 hinzeigen zu müffen, wagt es aber nicht einmal, Vermuthungen über das Alter des ägyptiſchen Jahres darauf zu gründen.
4) Homer. Il. XVIII, 476.
5) Wolfs Prolegom. zu Hom. S. 131.— W. Müller'’s Homeriſche Vorſchule. Lpz. 1824. S. 121.


