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Unterſuchungen über den Urſprung der Dinge, über Gott und die Welt von einem feſten Princip aus, beobachtete mit Fleiß die Himmelskörper und führte die mathematiſchen Studien ein. Mögen auch die ihm beigelegten geometriſchen Grundſätze¹), daß der Durchmeſſer den Kreis in zwei gleiche Theile zerlege, daß die Winkel an der Grundlinie eines gleichſchenkeligen Dreiecks einander gleich ſeien ꝛc., ſo wie das Verfahren zur Ermittelung der Höhe einer Pyramide oder der Entfernung eines Schiffes vom Ufer noch nicht über die Anfänge der Wiſſenſchaft hinausreichen; ſo mußte doch ſchon dadurch eine größere Sicherheit in die Berechnungen kommen. Auch muß der erwachte mathematiſche Eifer ſehr ſchnell zu glücklichen Reſultaten gelangt ſein, weil es unmöglich iſt, anzunehmen, daß die zahlreichen Angaben der Alten über angeſtellte Berechnungen und Meſſungen nur auf Fiction beruhen. In Bezug auf Aſtronomie machte Thales die Kenntniſſe des Auslandes zugänglich, führte den kleinen Bär unter die Sternbilder ein, beobachtete die Sonnenwenden“*), wagte ſchon eine Vermuthung über die Größe der Sonne im Verhältniß zum Monde, beſtimmte die Nachtgleichen und Jahreszeiten, verkündete eine Sonnenfinſterniß*)(die erſte, die wir kennen, vom 30. Sept. 610 a. Chr.), theilte, nach dem Vorgang. der Aegypter, das Jahr in 365 Tage), machte mit der Rundung der Erdfläche) bekannt, wahrſcheinlich den Vorſtellungen des Auslandes ſich anſchlicßend.
Wie weit die mechaniſchen Fertigkeiten bis zu Thales Zeit gediehen, läßt ſich vermuthen, wenn wir ihre Nothwendigkeit zur Befriedigung großer und unabweislicher Bedürfniſſe im häus⸗ lichen und bürgerlichen Leben, ihre Anwendung in der Baukunſt und Schifffahrt, die Uebung derſelben im ganzen, damals gebildeten Orient, ſo wie endlich die bald nach dieſer Zeit von den Griechen in den mathematiſchen Wiſſenſchaften gemachten ſchnellen Fortſchritte in das Auge faſſen. In wie fern ſie jedoch auf Fertigung von geographiſchen und aſtronomiſchen Hülfsmitteln, von Charten und Globen angewandt worden ſei, das bleibt unentſchieden. Die Erfindung von Erd⸗ charten bei den Griechen reicht nicht über Anaximander hinauf und die Hinweiſungen auf Atlas und Muſaeus'é) als Erfinder von Sphären fallen in den Mythenbereich. Iſt es daher auch nicht möglich, mit einer gewiſſen Sicherheit von einem voranaximandriſchen Daſein dieſer Erfindungen zu reden: ſo darf man ſich doch zu der Vermuthung veranlaßt fühlen, daß Anfänge
1) Nachweiſungen des Diog. Laert., Proclus ete. in Finger Dissertatio de primordfis Geometriae apud Graecos. Heidelb. 1831.— Vergl. Schaubachs Geſch. d. Aſtr. S. 49.— Wachsmuth Helle⸗ niſche Alterthumsk. II. S. 461, 483, 491.
2) Diog. Laert I. l.— Plutarch. de placit. philos. II, 12.— Brucker, Hist. crit. Phil. I. I.
3) Herod. l. 74.— Cic. de Republ. I, 16.— de divinat. I, 40.— Ideler hiſtor. Unterſ. über die aſtron. Beob. d. Alten. Berlin 1806. S. 154.— Deſſelben Handbuch d. mathem. und techn. Chrono⸗ logie. Berlin 1826. Th. l. S. 209. Th. II. S. 166.
4) Diog. Laert. vit. Thalet.— Ideler Chronolog. Th. I. S. 177.
5) Vergl. die geſammelten Notizen bei Ukert. Geogr. d. Gr. u. R. bis auf Ptolem. Abth. I. S. 51. 52, in d. Anmerk.— Abth. II. S. 18.
6) Diog. Laert. in Prooem.— Diodor. Sic. Libr. III, cap. 60.— IV, 27.— Plin. H. N. II, 8. Vergl. Menag. ad Diog. Laert. Libr. II, 1. p. 44.


