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nach Norden oder Süden ſteuernd, ſondern auch die fernen Säulen des Herkules, vorzüglich jedoch die Propontis und den Pontus Euxinus. Die Volksmenge der Stadt war groß genug, um an den zuletzt erwähnten Meeren eine Menge Colonieſtädte anzulegen, welche in kurzer Zeit ebenfalls zu bedeutendem Wohlſtande anwuchſen und mit der Mutterſtadt fortwährend in Verbindung blieben. Die Anzahl dieſer Pflanzſtädte, welche Plinius!) auf mehr denn 80, Seneca:) auf 75 beſtimmt, giebt einen deutlichen Begriff von dem ausgedehnten Handel, der ſich überdieß noch zu Lande in das Innere von Aſien erſtreckte, und alſo die Bekanntſchaft mit den verſchieden⸗ artigſten Gegenden und Rationen bewirkte. Im Gefolge des zuſtrömenden Reichthums ſam⸗ melten ſich natürlich die das Leben verſchönernden Künſte und Gewerbe in Milet, aber auch ſpäterhin die Sittenentartung und Verweichlichung, wodurch die Stadt fiel. Athenaeus’) unter⸗ läßt daher nicht, neben der frühern, faſt zum Sprüchwort gewordenen Tapferkeit, auch der nachmaligen Trunkliebe und der allgemeinen Schwelgerei der Mileſier zu gedenken.— Faſt daſſelbe gilt von der Bedeutſamkeit der Stadt Epheſus. Wie die Geſchichte nicht aufhören wird, der mercantiliſchen Größe beider Städte zu erwähnen, ſo wird auch der Ruf vom Dianentempel zu Epheſus, einem der ſieben Wunderwerke der Welt, das Andenken an die Kunſtübung in Jonien erhalten. 220 Jahre“) hatten die kleinaſiatiſchen Völker zu ſeiner Vollendung gebraucht. 425 Fuß betrug ſeine Länge, 220 Fuß ſeine Breite; 127 Säulen, jede 60 Fuß hoch, ſo wie eine unendliche Zahl von Bildſäulen, Gemälden verherrlichten den Prachtbau. Angaben der Art, ſollten ſie auch zum Theil auf eine ſpätere Zeit hinweiſen, erregen ebenſowohl Erſtaunen, als ſie Zeugniß ablegen für den geläuterten Geſchmack und den vorgerückten Standpunkt der edeln Künſte in jenen Blüthentagen Joniens.
Bei ſo günſtigen Umſtänden kann es daher nicht auffallen, daß gerade hier, in Milet, die erſte Philoſophenſchule entſtand, welche, unter dem Namen der Joniſchen, den Anfang eines ſtrengeren und zuſammenhängenderen Nachdenkens bezeichnet, und die Grundlage aller ſpätern Philoſophie ausmacht. Thales) war der Stifter dieſer Schule, ein Mann von eben ſo großer Wißbegierde, als geiſtiger Befähigung, durch Selbſtdenken wie durch Reiſen nach Creta, Phö⸗ nicien und Aegypten, dem Sitze der Prieſterweisheit, mit ungewöhnlichen Kenntniſſen ausgeſchmückt. Er lenkte alles Forſchen in wiſſenſchaftlichere Schranken und fand bei ſeinen Mitbürgern lebhafte Nacheiferung, weil die Zeit dazu vorbereitet war. Er ging bei ſeinen
1) ef. Histor. Nat. V, 29. 2) cf. Consolat. ad Helv. cap. 6. 3) Libr. XII, cap. 26.— X, 33.— Gelf. N. A. XV, 10.
4) cf. Plin. H. N. XXXVI, 14.— Strabo XIV, p. 738. Edit. Bas. Weitere Nachweiſungen über Epheſus ſiehe in Mannerts Geogr. d. Gr. u. R., und Biſchoffs vergleichendem Wörterb. der alten Geogr.
5) Er lebte vielleicht bis 542 v. Chr.(vergl. Clinton fast. Hellen. ed. Rrüger. pag. 6. 3.) Ueber ſeine Philoſophie vergl. Diog. Laert. Edit. Lond. 1664. F. Libr. I. Pag. 6 ff.— Brucker, Histor. crit.
Philos. T. I. pag. 458 ff.— Geſch. d. Phil. d. Gr. von Tennemann und Ritter. 2


