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1 (1843)
Entstehung
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zum Emporſtreben für ein Volk, das ſchon Antriebe genug hierzu in ſeiner Bruſt trug. Das Meer öffnete die Bahn zum gegenſeitigen Verkehr mit entlegenen Ländern, begründete einen gewinnreichen Handel, veranlaßte die Ausſendung von Coloniſten, und führte, was mehr iſt, durch die Verbindung mit Völkern, welche, wie Phönicier und Aegyptier, durch ihre hohe Bildung befähigt waren, wißbegierigen Fremdlingen Lehrer zu werden, Erfindungen und Künſte aller Art herbei. Solche Urſachen hoben zuſehends die Gewerbthätigkeit, den innern Wohlſtand, das politiſche Anſehen der joniſchen Städte. Während noch die europäiſchen Griechen unter kriegeriſchen Stürmen bluteten und um politiſche Freiheit rangen, hatten bereits die aſiatiſchen Stammge⸗ noſſen ihre freien Verfaſſungen geordnet, und konnten alſo ihren Sinn höhern Bedürfniſſen zuwenden. Ein Volk aber, das in ſich ausgezeichnete Talente, in ſeinen politiſchen Beziehungen Freiheit, in ſeinen häuslichen Verhältniſſen Behaglichkeit, in der lachenden Natur Erheiterung, in ſeinen Beſchäftigungen Aufregung, im täglichen Verkehr mit Fremden Ermunterung und Vorbilder zur Selbſtthätigkeit in der wiſſenſchaftlichen und künſtleriſchen Bahn vorfindet, ſchreitet mit überraſchender Schnelligkeit und mit Ruhm in ſeiner geiſtigen Entwickelung vorwärts. Darum konnte Jonien dem Mutterlande ſeine Dankbarkeit ſchon frühzeitig erweiſen durch Mit theilung des Herrlichen, was ſeinen Beſtrebungen gelungen war. Die frühe Kenntniß und Anwendung des Alphabets ¹), die Ausbildung der gefügigen, vocalreichen Sprache, die Vollendung der epiſchen Poeſie durch Homer's unſterbliche Geſänge, die Nachklänge dieſer epiſchen Begei ſterung in cykliſchen Dichtungen, die mannichfaltigen rhythmiſchen Formen und Melodien, in welchen, wie auf dem Feſtlande, ſo auf den benachbarten Inſeln die Wogen der aufgeregten, vom Entzücken der Luſt, Freude und Liebe bis zum Schmerz und Ernſt wechſelnden Empfin⸗ dungen ſich ergoſſen, die unterhaltenden Fabeln und Mährchen, die Anfänge des verſtändigen Lehrgedichtes, das alles ſind redende Beweiſe und eben ſo viele Lobſprüche auf den Bildungs⸗ zuſtand der aſiatiſchen Griechen und hauptſächlich Joniens noch vor Anaximander's Lebzeit. Wie aber die Betrachtung der Außendinge zur epiſchen, der Blick auf die innere Welt des Gemüthes zur lyriſchen Poeſie geführt hatte, ſo hatte auch der Blick auf die Erde und die Himmelskörper ſchon manche Früchte getragen und wahrſcheinlich ſogar mehrere, als gegenwärtig erweisbar ſind. Gelten Homers und Heſiods Geſänge für die Quellen, aus welchen die Kunde darüber zu ſchöpfen iſt: ſo waren allerdings die Grundlagen vorhanden, auf welchen, namentlich in Jonien, das wiſſenſchaftliche Erwachen um ſo glücklicher fortbauen konnte, jemehr daſelbſt der Verkehr mit andern Völkern Berichtigungen und Bereicherungen an aſtronomiſchen Kenntniſſen niedergelegt haben mochte. Denn ſo gewiß theils in der Natur des menſchlichen Geiſtes, theils in der Wunderbarkeit und dem Einfluß der Himmelskörper, theils in den niedern Bedürfniſſen des Lebens der Grund und die Veranlaſſung liegen, weshalb überall, wo Menſchen leben, Betrachtungen und Beobachtungen des Himmels angeſtellt werden, alſo kein Volk

1) Herodot. Libhr. V, 58.