Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

Allerdings liegt in jeder Erfindung etwas Außerordentliches, aus dem Ideenkreiſe der Zeit Heraustretendes, was eben durch ſeine Neuheit überraſcht, Bewunderung und Staunen erregt; gleichwohl kann auch der hochbegabte, erfindungsfähige Geiſt nicht außer dem Bereiche der Ideen ſeiner Zeit gedacht werden. Wie der Baum, deſſen Wipfel in die Lüfte aufragt, ſeine Wurzeln in der Erde hat, aus welcher er Nahrung und die Möglichkeit zur Entfaltung von Blättern und Blüthen zieht; ſo hat auch der erfindende Geiſt gewiſſermaßen ſeine Wurzeln in dem Bildungs⸗ ſtande des Zeitalters, das er Theil nehmen läßt an ſeinem Glanze. Es iſt die eigenthümliche Auffaſſungsweiſe der vorgefundenen Vorſtellungen, Meinungen und Anſichten, die beſondere Verarbeitung, die ungewöhnliche Verbindung oder Trennung der Ideen, es ſind die auffallenden Folgerungen und Schlüſſe, die überraſchenden Combinationen, die wahre Quelle der Erfindungen. Ueberall ſetzen ſie Elemente, eine geiſtige Vorbereitung voraus; aber durch einen einzigen, oft urplötzlichen Gedanken, der einem electriſchen Funken gleicht, werden ſie ins Daſein gerufen.

Cap. I.

Fähigkeitsbeweiſe.

§. 1.

Fand Anarimander in ſeinem Zeitalter die zur Erfindung einer künſtlichen Sphäre vorbereitende Bildung?

Anaximander, des Praxiades Sohn, lebte vom Jahre 610 bis zum Jahre 547 vor Chriſti Geburt; denn Diogenes von Laerte) ſagt mit ausdrücklichen Worten, daß Apol⸗ lodor) in ſeiner Chronik berichte: Anaximander habe im zweiten Jahre der acht und fünfzigſten Olympiade ein Alter von 64 Jahren erreicht gehabt und ſei um weniges nachher geſtorben in den Blüthentagen des ſamiſchen Polycrates. Sein Vaterland war das geſegnete Jonien an der Südweſtküſte Kleinaſiens, ſeine Geburtsſtadt das mächtige Milet, ſeine Stamm⸗ väter jene Griechen, die, etwa 400 Jahre vor ihm(1044) unter Neleus und Androklus aus Attika fliehend, auf der aſiatiſchen Küſte Sicherheit und Wohlſtand gefunden und früh ſchon Beweiſe ihrer geiſtigen Reife gegeben hatten. Denn hier, in Jonien, mußten die Anlagen des reichausgeſtatteten Griechengeiſtes Nahrung, Ermunterung und Muße ſinden zu fruchtbringender Entwickelung ³). Der lachende Himmel, die Milde des Clima's, die duftenden Blüthenhaine, die fruchtbaren Fluren, die hafenreiche Küſte, das inſelbeſäete Meer waren mächtige Impulſe

1) cf. Diogen. Laert. de vit. etc. Libr. II, 1. sub fine vit. Anaxim. Suidas s. v. αει Siehe Brucker histor. crit. Philosoph. Lips. 1742. T. I. pag. 476. Fabric. biblioth. Gr. Libr. II. 8. p. 814. Clinton fasti Hellen. ed. Rrüger. Lips. 1830. p. 7. Groddeck Init. histor. Graecor. liter. Vilnae 1823. T. I. p. 101. Encyclopäd. v. Erſch und Gruber unter Anarimander.

2) cf. Groddeck T. II, pag. 40.

3) ef. Herodot I. 142 849. Homeriſche Vorſchule von W. Müller. Leipzig 1829. Ukert, Geogr. der Griechen und Römer von den älteſten Zeiten bis auf Ptolem. Weimar 1816. Th. 1. Arth. 1. S. 44.