Druckschrift 
1 (1893) Sprachlich-grammatischer Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Punkte läfst man das Beispiel: cum cerneret a nautis insidias strui übersetzen. Die wörtliche Übertragung: Als er von den Schiffern Nachstellungen bereitet werden sah ist unbeholfen; besser könnte man sagen: Nachstellungen bereiten sah; aber da das Passiv im Lateinischen steht und auch im Deutschen stehen soll, ist nur die Uebersetzung möglich: Als er sah, dafs Nachstellungen bereitet wurden. So ist auch das erste Beispiel: Lacaena quaedam audiverat. filium male se gerere am besten zu übersetzen durch den Satz: Eine Laconierin hatte gehört, dafs ihr Sohn sich schlecht betrüge. Haben wir hier bei dem Verbum hören im Deutschen auch einen Accusativ und einen Infinitiv? Was steht hier an dessen Stelle? Also seht ihr, dals man je nach dem Beispiel nach den Worten hören und sehen verschieden über- setzen mufs, und die UÜbersetzung mit»daſs« ist sogar im Deutschen das Gewöhnliche. Das werden wir gleich noch an anderen Beispielen sehen, die ihr schon gehabt habt, z. B. quod credebat ingentem bestiam tanti clamoris auctorem esse und: cum comperisset alterum in statione sua cecidisse. Hier ist eine Übersetzung ohne»daſs« gar nicht möglich. Diese Ubersetzung betrachten wir nun genauer und vergleichen sie mit der lateinischen Construction. In welcher Sprache haben wir die kürzere Ausdrucksweise? Was muſs also beim Übersetzen ins La- teinische stattgefunden haben? Es müssen Worte ausgefallen, unübersetzt geblieben sein. Um die Anderungen festzustellen und die Behandlung anschaulicher zu gestalten, unterstreicht man etwa in den beiden ersten Sätzen die Worte, welche im Lateinischen und Deutschen sich genau entsprechen, dann bleiben im Lateinischen die Ausdrücke insidias strui und filium se gerere, im Deutschen die Sätze: dals Nachstellungen bereitet würden, und: dals der Sohn sich be- trüge, übrig. Es ergeben sich dann für die Übersetzung dieser Sätze mit»daſs« ins Latei- nische unter der Mitarbeit der Schüler folgende Punkte: 1. Auslassung der Conjunction, 2. Verwandlung des Subjects in den Accusativ, 3. Übersetzung des finiten Verbums durch den entsprechendeni Infinitiv. Diese Construction ist, wie der Schüler schon aus den Bei- spielen, deren Zahl sich erheblich vermehren lälst, schlieſsen kann, im Lateinischen viel häufiger wie im Deutschen, und die vorher angeschriebenen Worte Accusativ und Infini- tiv finden ihre Bestätigung. Im Anschlufs an diese inductive Behandlung werden dann Sätze mit den Infinitiven anderer Tempora im Activ und Passiv gebildet, und die Übereinstimmung der declinierbaren Formen dieser Infinitive mit dem vorhandenen Accusativ von dem Schüler gefunden; daraus folgt dann weiter die Übereinstimmung jedes Prädicatsnomens mit dem Accusativ. Nach einiger Zeit findet eine Zusammenfassung der hauptsächlichsten Verba, nach denen der Accusativ und Infinitiv steht, sowie eine Unterordnung unter die verba sentiendi und dicendi statt?. Letzteren Ausdruck finden die Schüler leicht, den ersteren wird ihnen wohl der Lehrer sagen müssen.

1 Der Ausdruck entsprechend bietet dem Schüler keine grolsen Schwierigkeiten, nachdem er selbst gefunden hat, dafs hier die Einsetzung z. B. des Inf. Perf. oder Futur. Act. oder gar eines passivischen Infi- nitivs ganz unmöglich ist.

2 Es wäre ganz verfehlt, schon in den ersten Stunden diese Verba dem Schüler selbst angeben zu- wollen; denn bei der Einführung in die neue Construction handelt es sich doch in erster Linie darum, den bei der Ubersetzung in die fremde Sprache vor sich gehenden Denkprozels und Vorstellungsverlauf ihm möglichst geläufig zu machen. Bis zur Zusammenfassung der verba sentiendi u. dicendi kann man ihm ja jedesmal sagen, er solle den betreffenden dafs-Satz im Lateinischen durch eine verkürzte Ubersetzung wiedergeben.