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3 (1897) Die Belagerung von Cassel im Jahre 1761
Entstehung
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Müllerthore rechts der Holländischen Strasse eine neue anlegen.

In der Nacht vom 24. zum 25. wurde zwischen der Ahne und Fulda jenseits des Schaf- hofes und des Schützenhauses(von der Stadt aus gesehen) die zweite Parallele eröffnet, und der Graf hoffte, bis zum 28. oder 29. in den Besitz der Aussenwerke zu gelangen, wie er auf eine Anfrage des Herzogs erwiderte. In- dessen erwies sich diese an sich gerechtfertigte Hoffnung als trügerisch. Die Verhältnisse bei der Armee des Herzogs an der Ohm hatten sich seit dem 20. so ungünstig gestaltet, dass die Aufhebung der Belagerung notwendig wurde. Zwar wurden am 27. von 8 Uhr morgens an die Werke und die Stadt noch einmal heftig be- schossen, mehrere Bomben fielen in die Strassen und Häuser und zündeten in einem Gebäude nahe beim Zeughause, doch wurde das Feuer bald gelöscht. Auch durch das Dach der Martinskirche schlug eine Kugel und zertrüm- merte am Altan des früher v. Dörnbergschen Hauses den mittleren Pfeiler. UÜbrigens wurden viele Soldaten und Bürger durch die Geschosse getötet und verwundet. Diese heftige Be- schiessung hatte natürlich nicht den Zweck, den Platz noch im letzten Augenblicke zu Falle zu bringen, sondern nur die Anstalten zur Aufhebung der Belagerung zu verschleiern, wozu Graf Wilhelm an diesem Tage ausführ- lichen Befehl erliess. Wenden wir uns jetzt zu den Vorgängen an der Ohnn.

D. Die Vorgänge an der Ohm und die Aufhebung der Belagerung.

Ende Februar hatte bekanntlich Herzog Fer- dinand mit der Hauptmasse seiner Armee zwischen Ohm und Schwalm Quartiere bezogen, um die Belagerung von Cassel zu decken: sein Hauptquartier war seit dem 3. März in Schweins-

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berg; als Vorhut stand der Erbprinz bei Grün- berg. Die Armee zählte nur 16000 Mann In- fanterie und 5000 Reiter mit Einschluss aller leichten Truppen, während diejenige des Mar- schalls Broglie hinter der Wetter und Lahn fast doppelt so stark(über 40000) war. Seit Mitte März etwa begann letzterer seine Truppen gegen die Stellungen der Verbündeten vorzu- schieben. Am 21. wurde der Erbprinz bei Grünberg überfallen und empfindlich, mit einem Verluste von mehr als 2000 Mann, geschlagen undüber die Ohm zurückgeworfen, hinter welchem Flusse nun Herzog Ferdinand auf den Hôhen bei Kirchhain den Gegner schlachtbereit er- wartete; hier hoffte der Herzog seine starke Artillerie im Kampf zur Geltung zu bringen. Allein Broglie liess sich auf diesesunsichere Auskunftsmittel trotz seiner so bedeutenden UÜbermacht und trotz des eben erfochtenen Vor- teils nicht ein, sondern begnügte sich damit, die Kräfte des Gegners hier festzuhalten und durch Entsendungen in die Flanken desselben (z. B. in der Richtung nach Corbach) seine rück- wärtigen Verbindungen zu bedrohen. So sah sich der Herzog genötigt, den Rückzug gegen die Eder anzutreten; am 23. früh zog die Ar- tillerie nach Neustadt ab, in der Nacht zum 24. folgte die Armee ebendahin in 6 Kolonnen. Die Belagerung von Ziegenhain wurde an dem- selben Tage aufgehoben, das abziehende Be- lagerungskorps unter den Generalen v. Schlüter und v. Zastrow bei Leimsfeld von den verfolgenden Franzosen ereilt und zersprengt; beide Generale nebst 3 400 Mann wurden gefangen genommen. Am 26. ging die verbündete Armee nordwest- lich von Ziegenhain über die Schwalm nach Braunau, am 27. bei Fritzlar über die Eder zurück, wo sie den 28. über stehen blieb. Am 29. früh brach sie wieder auf und erreichte über Balhorn, Nieder-Elsungen und Breuna am 31. die Diemel, welchen Fluss sie am 1. April bei Warburg überschritt. Jenseits desselben wurden Kantonnierungsquartiere bezogen, das Haupt- quartier kam nach Thalheim.