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3 (1897) Die Belagerung von Cassel im Jahre 1761
Entstehung
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In Erkenntnis der Notwendigkeit des Rück- zuges hatte der Herzog den Grafen Wilhelm gleich nach dem Gefechte von Grünberg ange- wiesen, 5 Bataillone und 2 Schwadronen unter General Mansberg vom Belagerungskorps zur Sicherung des Ederüberganges bei Fritzlar zu entsenden, welche auch am 24. dahin abrückten; am 26. befahl er von Braunau aus die Auf- hebung der Belagerung für den 28. Febr.; er blieb, wie erwähnt, an diesem Tage hinter der Eder bei Fritzlar stehen, um die Ausführung dieses Befehls zu erleichtern. Schon am 256. hatte man übrigens in Cassel von dem Rück- zuge der Verbündeten durch von den leichten Truppen eingebrachte Bauern Kunde erhalten, und am folgenden Tage langten Briefe vom Marschall Broglie an, welche die Niederlage des Erbprinzen bei Grünberg meldeten. Nun wusste man, dass der Entsatz nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte.

Am 27. sandte Graf Wilhelm das Bataillon Bock nach Trendelburg, um den dortigen Diemel- übergang zu sichern, und erliess genaue Befehle für die Aufhebung der Belagerung. Mit Ein- bruch der Nacht begann die Abführung der schweren Geschütze aus den Belagerungs- batterien, die Vierundzwanzigpfünder und die Mörser wurden zu Schiffe gebracht, um auf der Fulda und Weser nach Hameln geschafft zu werden. Die vorderen Laufgräben und Schanzen blieben bis früh um 4 Uhr am 28. besetzt, und die ganze Nacht hindurch wurde von beiden Seiten ein lebhaftes Feuer unterhalten. Um 6 Uhr wurde die 2. Parallele verlassen, die sofort von den vorrückenden feindlichen Jägern besetzt wurde. Zwischen diesen und den verbündeten Truppen, welche die erste Parallele noch besetzt hielten, entspann sich ein heftiges Feuergefecht. Gegen Mittag war auch diese wie alle übrigen Werke vollständig ge- räumt, der Rückzug ging teils nach Nieder- Vellmar, teils nach Wolfsanger, wo eine Batterie von 15 Geschützen zur Deckung desselben auf- gefahren war. Die zurückgehenden Abteilungen

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wurden aus den Werken der Festung heftig beschossen, und nachmittags machte sich Graf Broglie selbst mit 4 Bataillonen, allen Grenadieren und Jägern, den Freiwilligen und der Reiterei nebst 9 Geschützen zur Verfolgung auf. Eine auf der Hohen Eiche aufgefahrene Batterie von 6 Geschützen brachte sein Vorgehen bald zum Stehen, und sich mit den überlegenen Kräften der Verbündeten in ein Gefecht einzulassen, erschien dem Grafen doch zu gewagt; er sandte einen Teil seiner Truppen nach Cassel zurück, mit dem Reste besetzte er die Laufgräben und Parallelen. Am Abend bezogen die Verbün- deten 2 Lager: eins westlich von Niedervellmar an der Holländischen Strasse, wo sich auch General v. Mansberg von Fritzlar her wieder einstellte; das andere zwischen dem Warteberge und Ihringshausen. Damit endete die Belagerung des Jahres 1761. Der Angriff des Grafen Wilhelm hatte von Anfang an mit den grossten Schwierig- keiten zu kämpfen, aber er war gut angelegt und nach Massgabe der vorhandenen Mittel energisch durchgeführt. Als die ersten Erfolge von Wich- tigkeit(die Wegnahme der vorgeschobenen Werke) in sicherer Aussicht standen, wurde durch Veränderung der gesamten Kriegslage die Auf- hebung der Belagerung nôtig gemacht, die geschickt und ohne Verlust an Kriegsmaterial durchgeführt wurde. Dem Verteidiger wird man gern zugestehen, dass er die Vorteile seiner Stellung wohl auszunützen verstand, sich nicht auf die blosse passive Abwehr beschränkte, sondern öfters in Ausfällen angriffsweise vor- ging und damit recht bedeutende Erfolge er- zielte. Die Massregeln des Kommandanten zur Beschaffung ausreichender Mengen an Lebens- mitteln verdienen vom militärischen Standpunkte aus volle Billigung, so schmerzlich auch die Be- troffenen davon berührt werden mochten; denn die Erhaltung des ihm anvertrauten Platzes ist das erste Gesetz.

Der Verlust war auf beiden Seiten bedeutend genug. Er betrug bei den Verbündeten vom 19. Februar bis zum 28. März: