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3 (1897) Die Belagerung von Cassel im Jahre 1761
Entstehung
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dieses Scheinangriffs gelang die Aushebung der 1. Parallele ohne jede Störung und ohne jeden Verlust. Sie begann links an dem Wege nach Wolksanger vor dem Fasanenhofe, überschritt die Strasse nach Ihringshausen und zog sich nach rechts am kleinen Möncheberge hin, etwa die Eisenschmiede entlang bis zur Ahne; 10 Bataillone hatten zur Deckung in Bereitschaft gestanden, 4 besetzten sie nach ihrer Vollendung; gleichzeitig wurde der Bau einer Batterie für 4 Zwölfpfünder(am Belvedere zwischen der Ahne und dem jetzigen Traindepot) angefangen. Am 3. nachmittags wurden die Werke der Belagerer vom Müllerthore her erfolglos beschossen; ober- halb des Butlarschen Gartens schlugen die Ver- bündeten eine Brücke über die Ahne, ver- längerten die Parallele nach rechts über diesen Fluss hinaus und begannen hinter dem Durosey- schen Garten(dem jetzigen Neuen Totenhofe) den Bau einer grossen Batterie zur Deckung des rechten Flügels. In der Nacht vom 4. zum 5. liess Graf Wilhelm die gesamte Infanterie zwei neue Lager beziehen: das eine zog sich vom Roten Berge bei Rotenditmold, auf dem man zur Sicherung eine Schanze erbaute, bis zur Ahne; das andere links dieses Flusses von der Hohen Eiche über den Möncheberg bis gegen Wolfsanger. In der Nacht vom 5. zum 6. wurde eine Kesselbatterie für 4 Mörser(in der Schlucht hinter der Belvedere-Batterie) ge- baut und noch weiter links(zwischen der Strasse nach Ihringshausen und Wolfsanger) eine solche für 4 Zwölfpfünder angefangen.

Der Beginn der Belagerungsarbeiten und das Fortschreiten derselben hatten unter der Bürger- schaft begreiflicherweise grosse Aufregung her- vorgerufen. Gesteigert wurde dieselbe durch das Vorgehen des Kommandanten, der die Brüderkirche in ein Lazarett umwandeln liess (nach anderen Berichten wurde die Lutherische Kirche am Graben als Lazarett benutzt, die Brüderkirche als Heumagazin und die Martins- kirche als Mehl- und Proviantmagazin). Als Broglie die Aufregung und Missstimmung der Bevölkerung bemerkte, liess er auf dem Markt-

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platze(dem jetzigen Altmarkt) einen hölzernen Galgen errichten und drohte, jeden ohne weiteres daran aufzuhängen, der Anlass zur Unzufrieden- heit geben würde, sich irgendwie auflehnen oder gar bei der Schanzarbeit widersetzen würde.

Er hat es aber nicht nôtig gehabt, seiner Drohung die That folgen zu lassen. Um das Fortschreiten der Belagerungs-

arbeiten zu stören, unternahm Broglie in der Nacht vom 6. zum 7. März einen grossen Aus- fall, der gut angelegt, geschickt und energisch durchgeführt, recht bedeutende Erfolge brachte. In drei Kolonnen wurde der Ausfall unter- nommen; sie bestanden aus den dritten und vierten Bataillonen sämtlicher Regimenter; vor- aus gingen Jäger und Grenadiere, Zimmerleute und Kanoniere, sowie 200 Arbeiter folgten. Die Gesamtstärke betrug 3000 Mann Fussvolk. Nachdem durch ein äusserst lebhaftes Gewehr- feuer während der ganzen Nacht die Belagerungs- truppen in Atem gehalten worden waren, wurde dasselbe gegen Morgen in der Richtung nach den Bleichen hin so stark, dass diese glaubten, der Feind habe hier bedeutende Kräfte ver- sammelt. Kurz vor Tagesanbruch brach der Marquis de Rochechouart mit der mittleren Kolonne 3 Bataillone stark aus den 3 Lunetten vor, stieg die Möncheberger Strasse entlang den Berg empor und erreichte schnell die Zwolfpfünderbatterie am Belvedere; diese wurde genommen, ein Geschütz vernagelt, die Môrserbatterie dahinter gleichfalls genommen und die 4 Mörser in die Stadt geschafft. Die in den Laufgräben hier stehenden Bataillone, eines vom hessischen Leibregiment und das hannõversche Grenadierbataillon Wangenheim, verliessen vollständig überrascht, ohne ernstlichen Widerstand, die Parallele und weithin er- tönte das Siegesgeschrei der Franzosen:»Vive le roi! Vive le roi!« Die linke Flügelkolonne unter de Jaucourt 2 Bataillone und 300 Reiter drang vom Müllerthore her läàngs der Hollândischen Strasse vor, überschritt die Mombach, nahm die grosse, rechte Flügelbatterie hinter dem Duroseyschen Garten(in welche übrigens die