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3 (1897) Die Belagerung von Cassel im Jahre 1761
Entstehung
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mit der Armee vereinigt, die nun zwischen der Ohm und der Schwalm Kantonnierungsquartiere bezog.

Damit schloss der Winterfeldzug vom Februar 1701. Die Absicht des Herzogs, den Feind aus Hessen zu vertreiben, war im wesentlichen ge- lungen; leider hatte es der Feind jedoch ver- standen, grössere Verluste und Niederlagen bis auf das Treffen bei Langensalza zu vermeiden und seine Heeresteile ziemlich unerschüttert in eine gesicherte und gedrängte Stellung zurück- zuführen, welche der Herzog anzugreifen nicht wagen konnte. Zudem waren(ganz abgesehen von dem wohlbefestigten Gôõttingen, das voll- ständig unbedroht blieb) noch Cassel, Ziegenhain, das Schloss von Marburg und Schloss Waldeck in den Händen des Feindes. Ihr Besitz musste ent- scheiden, ob es dem Herzoge gelang, sich in Hessen zu behaupten, wenn wie vorauszu- sehen war der Gegner in einiger Zeit, aus- geruht und verstärkt, mit überlegenen Kräften wieder zum Angriffe vorgehen würde. Mit dem Befehlshaber des Marburger Schlosses, eines der unwichtigsten dieser Plätze, hatte Lord Granby, der die Stadt mit 4 Bataillonen besetzte, einen Stillstandsvertrag geschlossen; Ziegenhain wurde am 23. Februar umzingelt und nach Eintreffen schweren Geschützes heftig beschossen, bis den Belagerern die Munition ausging, deren Ersatz bei den schlechten Wegen unmöglich war; und so konnte die Feste sich halten, bis Entsatz erfolgte. Die Einschliessung und Belagerung von Cassel aber hatte Herzog Ferdinand dem Grafen Wilhelm von Lippe-Bückeburg über- geben.

Wenden wir uns nun zu den Ereignissen, die sich hier abspielten.

B. Die Einschliessung von Cassel vom 19. Februar bis zum 1. März 1761.

Bei dem Vorrücken des Herzogs Ferdinand nach Niedenstein war, wie oben erwähnt, der

General v. Gilsa mit seiner Abteilung in Dörnberg stehen geblieben, wo am 15. und 17 Februar 4 hessische, 2 hannôversche und I bückeburgisches Bataillon nebst 3 Schwa dronen braunschweigischer Karabiniers zu ihm stiessen, wogegen 2 andere Reiter-Regimenter zur Armee des Herzogs abgingen. An dem- selben Tage übernahm der Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe-Bückeburg den Befehl über dieses zur Belagerung von Cassel bestimmte Korps. Dieser galt schon damals als einer der besten Ingenieure und Artilleristen Europas und hatte bereits bei manchen Gelegenheiten Proben seiner Einsicht, seiner Entschlossenheit, seiner persönlichen Tapferkeit und seiner Kennt- nisse abgelegt, die zu den höchsten Erwartungen berechtigten; man hoffte zuversichtlich, dass er Cassel, von dessen Eroberung der Besitz von Hessen in diesem Feldzuge abhing, bald zu Falle bringen werde. Wenn er auch diesmal die auf ihn gesetzten Erwartungen infolge widriger und ungünstiger Verhältnisse, die stärker waren als er, nicht zu erfüllen ver- mochte, so gab er im folgenden Jahre um so grössere Beweise seiner Genialität, als er, nach Portugal entsandt und an die Spitze der portugiesischen Streitmacht gestellt, diese von Grund aus umwandelte und zu einem glück- lichen Verteidigungskriege gegen die spanische UÜbermacht befähigte. Ihm zur Seite stand der hessische Artillerie-Oberst Huth, dem wir bei Lutternberg schon begegnet sind, ein Mann, über dessen Tüchtigkeit im Heere gleichfalls nur eine Stimme war.

Ihnen gegenüber stand als Kommandant der französischen Besatzung von Cassel der Graf v. Broglie, der Bruder des Marschalls; er war von seinem Bruder auf diesen vor- geschobenen, verantwortungsvollen Posten ge- stellt worden und setzte alles daran, das Ver- trauen desselben zu rechtfertigen; er galt für einen der tapfersten, entschlossensten und be- gabtesten Offiziere des franzõsischen Heeres und hat diese Eigenschaften während der ganzen