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3 (1897) Die Belagerung von Cassel im Jahre 1761
Entstehung
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hier hatten sich naturgemäss die Folgen des schlechten Wetters bemerkbar gemacht. Die Verpflegung der Armee wurde immer schwieriger, zumal die Regierung in Hannover, obwohl sie von London Anweisung hatte, dem Herzog in allem und jedem bereitwilligst entgegenzu- kommen, doch durch allerhand Winkelzüge und Quertreibereien die Leistung des Notwendigsten selbst zu verzögern, wenn nicht gar zu hindern wusste, um natürlich Hannover, das von dem Kriege(Gôttingen ausgeschlossen) fast gar nicht berührt war, zu schonen. Die Schwierig- keit der Ernährung wurde noch gesteigert durch die Unehrlichkeit der englischen Finanz- Kommissare, welche oft mehr an sich als an den Krieg und das Heer dachten: bittere Beschwerden wurden gerade darüber selbst von König Friedrich laut. Die Verpflegungs- schwierigkeiten wurden zuweilen so stark, dass Herzog Ferdinand daran dachte, die Armee zurückzuziehen und, wie er sagte,»aufzulösen«, d. h. in weitläufige Winterquartiere in West- falen und Hannover jenseits(rechts) der Weser zu legen. Zwar liess Herzog Ferdinand den ersten Plan damals fallen, allein im Januar kam er zu dem Entschluss, den Feind durch einen frühzeitigen Angriff aus seinen Winterquartieren zu verdrängen, Hessen selbst zu gewinnen und ihn dadurch in möglichst grosser Entfernung von dem Stützpunkte der verbündeten Armee, von Hannover und Niedersachsen, zu halten. Ahnliches hatte er doch schon 1758 und 1759 durch eine frühzeitige Eröffnung der Operationen und durch Uberraschung des Feindes in den Winterquartieren erreicht; 1758 hatte er nicht nur Hannover, Hessen und Westfalen befreit,

sondern den Gegner sogar über den Niederrhein

zurückgeworfen, und 1759 hatte er durch seinen Vorstoss gegen Frankfurt die Franzosen weithin zurückgedrängt und für längere Wochen Hessen und Hannover vom Feinde befreit. Warum sollte es diesmal nicht möglich sein?

König Friedrich, mit welchem der Herzog über diese seine Absicht einen lebhaften Brief-

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wechsel unterhielt, billigte dieselbe nicht nur, sondern drängte ihn auch aus politischen wie militärischen Rücksichten dazu. Zwar ver- mochte er nichts zu thun, um die Verpflegungs- schwierigkeiten bei der verbündeten Armee etwa durch UÜberweisung von Fuhrwerk aus der Altmark und Magdeburg heben zu helfen, allein er sicherte dem Herzoge eine thatkräftige Unterstützung des Angriffes selbst zu: ein preussisches Korps unter General v. Syburg sollte sich mit dem General v. Spörken ver- einigen und den an der Unstrut stehenden rechten Flügel der Franzosen über die Werra zurückwerfen helfen. Zum Glücke hatten sich in der zweiten Hälfte des Januar die Witterungs- verhältnisse derart gebessert, dass die Wege wieder fest wurden, und unter Anspannung aller Kräfte und ausserordentlicher Inanspruch- nahme und Ausnutzung des Fuhrparks gelang es nun, die Magazine an der Diemel so weit zu füllen, dass die Verpflegung von Mann und Ross auf einige Zeit sicher gestellt war.

So konnte Herzog Ferdinand nun seine Be- wegungen beginnen. Um den Feind vor allem zur Aufgabe der starken Stellung in dem festen Lager bei Cassel zu nôtigen, bedrohte er durch Truppenkorps von ausreichender Stärke die beiden Flügel der feindlichen Aufstellung: rechts sollte der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig mit 20 Batailloöonen und 22 Schwadronen in Brilon und Stadtberge sich aufstellen; die Mitte 50 Bataillone und 28 Schwadronen unter Herzog Ferdinand selbst stand an der Diemel von Warburg bis Karls- hafen; der linke Flügel unter General v. Spörken (17 Bataillone, 20 Schwadronen, 1 Regiment Husaren und 2 Jäger-Brigaden) sammelte sich zwischen Duderstadt und Mühlhausen, das An- rücken des preussischen Generals v. Syburg erwartend. Am 9. Februar standen sämtliche Truppenteile an den ihnen angewiesenen Punkten, und Herzog Ferdinand begab sich von UÜUslar nach Hofgeismar, um die Eröffnung der Ope- rationen persönlich zu leiten. Sehr erschwerend