Kriegerische Ereignisse in der Umgebung von Cassel.
III. Die Belagerung von Cassel im Jahre 1761.
Von
Professor Dr. Johannes Pohler.
A.
Der Einbruch des Herzogs Ferdinand in Hessen im Februar 1761.
Nachdem der Feldzug des Jahres 1760 an der Diemel thatlos zu Ende gegangen war, verlegten beide Teile ihre Truppen in die Winterquartiere, die im Dezember endgültig bezogen wurden. Die verbündete Armee unter Herzog Ferdinand nahm dieselben nördlich der Diemel in Westfalen, besonders in den Bis- tümern Münster, Paderborn und Osnabrück; ein kleiner Teil lag rechts der Weser an der Ruhme und im Eichsfelde. Die französische Armee unter Broglie hatte ihren linken Flügel hinter der Sieg von ihrer Einmündung in den Rhein an bis zur Lahn bei Giessen, die Mitte stand hinter der Eder und Fulda bis Münden und war durch das bedeutend verstärkte Cassel und kleinere befestigte Plätze, z. B. Fritzlar, Ziegenhain und Marburg, gedeckt. Der rechte Flügel stand von Münden an aufwärts an der Werra, und jenseits dieses Flusses dehnten sich seine Quartiere die Unstrut entlang über Mühlhausen bis Gotha aus; gedeckt war der- selbe einigermassen durch das gut befestigte, stark besetzte und mit allem Notwendigen wohl versehene Gôttingen, das in dem Grafen de Vaux einen tüchtigen und thatkräftigen Kommandanten besass.
Gern hätte zwar Broglie sein Heer in engere Quartiere gelegt, um einem etwaigen Angriffe der Verbündeten mit gesammelten Kräften ent- gegentreten zu können; allein von seiten des
Versailler Hofes wurde gerade auf die dauernde Besetzung Hessens grosser Wert gelegt, da man dadurch einen Druck auf den Landgrafen auszuüben hoffte, um ihn von der preussisch- englischen Seite auf die des Reiches hinüber- zuziehen, wozu auch von anderer Richtung her Anstrengungen gemacht wurden. Dazu erhielt Broglie von seinem Hofe die Weisung, das zum Unterhalte seines Heeres notwendige Geld durch Kontributionen in Feindesland zusammen- zubringen: das sei die einzige Geldquelle, über die Frankreich zum Besten des Heeres ver- fügen könne; er war also auch aus diesem Grunde gezwungen, sich mõglichst weit auszu- dehnen und die Kräfte des besetzten Landes durch Lieferungen für die Verpflegung seiner Truppen in Anspruch zu nehmen. Ja, man schmeichelte sich sogar in Paris mit der Hoff- nung, in dem besetztem Hessen ein Faustpfand zu haben, das man bei den Friedensverhand- lungen mit England zum Austausche gegen verlorene Kolonien, in Indien etwa, benutzen könnte. Aus allen diesen Gründen blieb Broglie in seiner so ausgedehnten Aufstellung, obwohl die Zufuhren vom Main her, die er zur Er- haltung seiner Armee vor allem nôtig hatte, wegen des seit Michaelis fast unaufhörlich niedergehenden Regens, der die Landwege ver- darb und alle Schifffahrtswege, namentlich den wichtigsten, die Fulda, so anschwellen liess, dass sie nicht mehr benutzt werden konnten, sehr schwierig wurden.
Schon im Herbste des Jahres 1760 hatte Herzog Ferdinand den Plan erwogen, in die französischen Quartiere einzubrechen und den Gegner aus Hessen zu vertreiben. Allein auch
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