Ich erinnere beispielsweise an die Scene in Schillers„Wallenstein“(Piecol. III, 2), wo die Gräfin Terzky den abwesenden Wallenstein folgendermaſsen apostrophiert: „Es braucht hier keiner Vollmacht— Ohne Worte, Schwager, Verstehn wir uns— Errat' ich etwa nicht, Warum die Tochter hergefordert worden, Warum just er gewählt, sie abzuholen? Denn dieses vorgespiegelte Verlöbnis Mit einem Bräutigam, den niemand kennt, Mag andre blenden! léh durchschaue Dich— Doch Dir geziemt es nicht, in solchem Spiel Die Hand zu haben. Nicht doch! Meiner Feinheit Bleibt alles überlassen. Wohl!— Du sollst Dich in der Schwester nicht betrogen haben. und anderseits an das schöne Gedicht von Gerhard von Amyntor„Prinz Wilhelm am Sarge seines Bruders Waldemar“. Mitten in dem Gedichte nach der 5. Strophe: 5. Tiefe Stille! Horch, da schreitet Schwer ein Recke durch den Raum; Schluchzend er die Arme breitet Und aufs Knie er niedergleitet An des Bahrtuchs seidnem Saum. lälst der Dichter die ungemein wirksame Apostrophe folgen: 6. Erbe Du der Kaiserkrone, Hehrer Sieger Du von Wörth, Reiſs Dich los vom jüngsten Sohne, Denn Dein flehendes„Verschone!“ Hat das Schicksal nicht gehört! und fährt dann ruhig erzählend fort: 7. Lange betet er; ergeben Lernt er sich, und neu gestärkt Steht er auf etc. etc.
Die Wirkung und Bedeutung der Apostrophe, welche durch die Worte„Horch, da schreitet etc.“ der vorhergehenden Strophe so schön vorbereitet ist, kann niemand verkennen: der Angeredete steht lebendig vor uns; der Dichter lenkt unsere Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf ihn hin, bekundet selbst und erweckt in uns eine mehr als gewöhnliche Teilnahme.— Man wird es mir erlassen, an all den oben angeführten Stellen im einzelnen nachzuweisen, welcher „affectus animi“ die Apostrophe gerade veranlaſst hat. In den meisten Fällen liegt er nahe genug, auch wurde oben mehrfach schon darauf hingewiesen. Der verständige Leser wird den inneren Grund, welcher den Dichter jeweilig bestimmt haben mag, schon herauszufinden oder, wenn man will, herauszufühlen wissen.


