Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
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Verhältnismäſsig selten bedient sich Vergil der Figur der Apostrophe, nämlich an folgenden 7 Stellen der Aeneis: I 555, II 56, 428, III 119, 371, VI 18 und X 542. Sehr richtig bemerkt Gossrau zu I 555:Conversio orationis in vocativum animi vehementer agitati signum est. Und wenn derselbe zu II 56 sich allgemeiner dahin ausspricht:A nominativo in vocativum transeunt poetae, si animi affectus erumpit, nonnunquam fortasse etiam metri caussa, so ist das maſsvoll und vorsichtig genug geurteilt. Auf die Stellen des Vergil braucht das Letztere darum keine Anwendung zu finden. Wollte der Dichter die Anrede nicht aus andern Gründen: dermetrischen Not, das ist meine Überzeugung, hätte er sich zu entschlagen gewulst. ISt es doch selbst uns nicht zu schwierig die jetzt gegebenen Verse mit geringen Anderungen der Apo- strophe zu entkleiden. Von II 56 brauche ich nicht zu reden, da ja staret und maneret selbst in guten Handschriften steht; aber I 555 könnte das zweite Hemistichion beispielsweise lauten: patrem- que ducemque Aenean, II 428 nec Panthoon ¹⁴) ulla reservat, III 119 taurum claro quoque Phocebo, III 371 protinusque ad limina Phoebi, VI 18 terris Phoebo ipse sacravit, endlich X 542 Gradivo clara tropaea. Doch der Dichter hatte ohne Zweifel seine Gründe dafür, daſs er an obigen Stellen die Anredeform wählte, ohne durchmetrische Not dazu gezwungen zu sein.

Viel häufiger als Vergil wendet Ovid die Figur der Apostrophe an. Will man etwa auch diesem Meister und Beherrscher der Sprache, der mühelos und spielend seine Verse formt, dem nichts zu schwer ist,metrische Not andichten? Mag es thun, wer will, und mag es glauben, wer Lust hat! Ich greife ein paar beliebige Beispiele heraus, an denen man sehen mag, wie der Dichter die Apostrophe handhabt. Da, wo im IV. Buche der Metam. von den Sträflingen der Unterwelt die Rede ist, v. 457 ff., wechselt er bei Tityos, Tantalus, Sisyphus, Ixion und den Belldes (Danaiden) mit dem Nominativus und Vocativus, und ebenso im X. Buche v. 41 ff., aber sicher nicht aus metrischen Rücksichten, wie schon die bloſse Vergleichung beider Stellen zeigt ¹⁵).

Sehr richtig bemerkt Siebelis zu Metam. I 438 bei der Apostrophe te quoque, maxime Python (vgl. II 368 tibi... Phaéëthon):Dadurch, daſs die Dichter die Person oder Sache, von der sie sprechen, selbst anreden(Apostrophe), erhöhen sie die Anschaulichkeit. Wir können noch etwas weiter gehen und sagen: Durch die Apostrophe lenkt der Dichter, indem er uns den Angeredeten anschaulich vor Augen stellt, unsere Aufmerksamkeit in besonderer Weise auf denselben hin. Auch bekundet die Apostrophe, da sie eine lebhafte Vergegenwärtigung seitens des Dichters voraussetzt, ein beson- deres Interesse irgend welcher Art für die betr. Person oder Sache und will ein solches erwecken.

Das also ist der eigentliche Ursprung und die Bedeutung der Apostrophe nicht aber eine äufsere Rücksicht auf das Versmafs oder gar die armseligemetrische Not! so im Epos wie im Drama und auch in lyrischen Gedichten.

14) So braucht auch Ovid, um einen Daktylus zu gewinnen, z. B. Met. XIII, 46 f., die griechischen Accu- sative Sisyphon und Acacon.

15) Auch wäre es ja wieder ein Leichtes die Apostrophe zu beseitigen, z. B. IV 458 f. non Tantalus ullas ore suo deprendit aquas etc. 460 Sisyphus aut petit aut urget revolubile saxum, X 44 Aeolides non curat volvere saxum, ibid. 69 f. quaeque est confisa figurae] infelix Lethaea suae.