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3 (1899) Von den Mittelschulen
Entstehung
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und der eigennützige Theolog wickelt sich in den Schleyer der Religion, um seine Absichten oder Leidenschaften zu erfüllen. Tragen aber nun an diesen Ausschweifungen die Gottesge- lehrtheit oder die Rechtskunde Schuld? Ausser allen diesen aber giebt es noch gewisse engbrüslige Verächter des Geschmackes, welche nicht begreifen können, wozu die schönen Wissenschaften dienen oder einigen Nutzen schaffen sollen. Sie werfen sie gleichsam unter die allerentbehrlichsten Kleinigkeiten dahin und glauben der Gelehrtheit um so kräftiger das Wort zu reden, je unhöflicher sie die schönen Wissenschaften aus ihrem Umfange verdrängen. Sie sagen, man könne ja auch Geschmack besitzen, ohne sich auf die schönen Wissenschaften geleget zu haben, und also seyen sie unnõthig. Die Wahrheit antwortet aber diesen Leuten: so wären auf gleiche Art auch alle andere Wissenschaften(als ein besonderes Schul- studium betrachtet) unnöthig. denn man kann verträglich und vernünftig seyn, ohne Phylosophie; ein guter Arzt ohne Hypokrates, Börhave und Haller; ein Advokat etc. ohne das Corpus Juris. und ein vorsichtiger Bürgermeister ohno den Grotius, Montesquieu, und Pfeffinger, ja ein Machiavellist von der ersten Klasse, ohne den Machiavell studieret zu haben. Dies aber be- weiset alles weniger als nichts gegen den Nutzen und die Nothwendigkeit der Wissenschaften.

§ 212. Die schönen Wissenschaft bleiben also immer ein sehr nothwendiger Theil für jeden Gelehrten. Die Sitten, der Verstand, die Beurteilungskraft, das Gedächtnis, und das Herz werden durch sie vorzüglich erleuchtet, und in einer feinen Empfindlichkeit geübt, welche die Grundlage, eines schätzbaren Charakters ausmacht. Sie beweisen ihre Wirkung, im Ausser- lichen, durch Ordnung und Deutlichkeit in der Rede, und durch Nachdruck und Kürze in der Schreibart. Die Absicht ihrer Lehre ist die Bildung eines reinen und richtigen Geschmackes, um das wahre Schöne zu empünden, und ihre Haupttheile, welche einen Zu- sammenhang mit allen Gattungen der Gelehrsamkeit., und gelehrter Amter haben, sind die Sprachkunde, die gute Schreibart, die Dichtkunst und Redekunst.

§ 213. Die Bildung des Geschmackes überhaupt geschieht, vorzüglich durch das fleissige Lesen der besten Schrifttsteller in der deutschen, griechischen, lateinischen und französischen Sprache, und die Aufmerksamkeit auf deren Wendungen, auk das natürliche unge- zwungene Weesen, auf den Nachdruck und das Feuer, wo es der Gegenstand solcher Schriften erfodert.(Worüber weiter unten noch besondere Anmerkungen erscheinen werden.) Die alten römischen Schriftsteller sind hierinn die Muster der neueren, so, wie die griechischen jenes der Römer gewesen. Die Franzosen stehen denselben in der Deutlichkeit des Vortrages, in dem Nachdrucke, in der Biegsamkeit und Begeisterung sehr nahe zur Seite. Die Deutschen sind in Entwerfung des Ideals so wenig, als in Stärke der Gedanken und Richtigkeit des Aus- druckes zurücke geblieben, vielleicht, dass schon einige von uns Franzosen und Engelländer eingeholet, und übertroffen haben, und noch schreiben wir täglich weiter; so wie sich auch die Engelländer in dem Vermögen des Ausdruckes, in der Haltung und Mischung des Colorits und der kontrastischen Eintheilung der Bilder immer höher erheben. Den klassischen Schritt- stellern der erwähnten vier Sprachen können, bei schon reiferen Jahren der Schüler, die besten periodischen Schriften, die moralischen Abhandlungen, auch einige sinnreiche, gereinigte, Romanen, wie jene des Bischofs Fenelon etc. beigefüget werden. Nach dieser Vorbereitung folget die zusammenhängende Lehre von dem schönen überhaupt, nach der ästhetischen Anleituug des scharfsinnigen Professors Baumgarten, und auf diese die Rede- und Dichtkunst.

§ 214. Die Redekunst ist die Wissenschaft in allen Arten des mündlichen und schrift- lichen Vortrages die Schönheit und Annehmlichkeit mit der Deutlichkeit, dem Nachdrucke und der Gründlichkeit zu verbinden. Sie zeiget also, worinn das Angenehme, Deutliche, und Gründ-