10. Die, schönen
Wissen- schaften“.
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Erlösers: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, begründet seyn muss, und. was das praktische betrift, bei allen Gelegenheiten der Ges chichtkunde, schon im Eintritte in die Leseschulen, nachhin in den Realschulen, und bis daher in den Mittelschulen, immer stufen- weise vorgetragen worden, und also kann man es auch mit diesem Theile der Phylosophie (als ein eigenes Studium betrachtet) bis zum Besuche der Akademie ankommen lassen.
§ 208. Es schliessen hiemit die schönen Wissenschaften, oder die Phylosophie des Geschmackes. die Reihe des vollständigen Unterrichtes der Mittelschulen. Bevor aber, in derselben nähere Bestimmung eingegangen wird, ist es nothwendig, von Ihrem Innbegriffe überhaupt, und insbesondere von dieser ihrer Benennung: Schöne Wissenschaften, einige kurze Betrachtungen anzustellen. Wenn man unter diesem Ausdrucke eben so viel begreift, als das französische Wort belles Lettres, oder das lateinische Litterae humaniores: so ist ihr Umfang sehr gross, und erstrecket sich über die grammatischen und historischen Kenntnisse, welche man zu besserm Verständnis der alten Authoren, und der Schriftsteller des mittlern Zeitalters vonnôthen hat. Man rechnet sodann alle philologische Disciplinen, Kritik, Altertümer, Diplo- matik, Numismatik, Geographie, Chronologie, die Heraldik, sogar die Ortographie und Kalli- graphie, und überhaupt alles, was auf Gründen beruht, die sich eben so sehr auf das Ange-
nehme als auf das Nützliche beziehen, in die Klasse der schönen Wissenschaften. Allein da einige dieser Kenntnisse offenbar zur Geschichte, welche eine eigene Klasse ausmacht,
andere in die Grammatik, und andere zur Phylosophie gehören: so ist wohl besser, jedem das Seine zu geben, und mit der Benennung Schöne Wissensc haften einen genauern Begrif zu verbinden.
§ 209. Es giebt aber gewisse Künste, welche man um deswillen schöne Künste nennet, weil sie eine Abbildung oder Nachamung der schönen Natur, und die Erregung ange- nehmer Gemütsbewegungen zum Gegenstand haben. Dahin gehören hauptsächlich die Poesie, im engeren Verstande, die Malerei und Bildhauerkunst etc. die Musik, die Schauspielkunst, die Tanzkunst, und was sich damit vereinbarn lässt.
§ 210. Diesen allen pflegen dann auch noch andere Künste beigesellet zu werden, bei deren Werken das Schöne und Gefallende zwar nur ein Nebenendzweck ist, die man aber sonst nirgend füglich unterbringen kann z. B. die Redekunst. Diejenigen Wissen- schaften nun, welche den allgemeinen Begriff des Schönen, Angenehmen und Rürenden untersuchen und bestimmen, die Reglen der schönen Künste daraus ableiten, und nach diesen die Schönheit der Kunstwerkeprüfen lehren, sind die schönen Wissenschaften oder die Phylosophie des Geschmackes.
§ 211. Jene unedle Abneigung, mit welcher viele gegen den Namen der schönen Wissen- schaften, und auch die Sache selbst eingenommen sind, rüret eines Theiles von der Unwissen- heit her, was eigentlich die Benennung der schönen Wissens chaften begreife: anderen Theiles aber giebt es unter den Menschen(nnd hauptsächlich unter jenen, deren ganze Er- ziehung vernachlässigt ward) ein gewisses entschlafenes Gefül, oder auf was immer für eine Art verderbte Organisation(die man, z. B. bei der Musik, den Mangel des Gehöres nennet) wobei das Herz und der Verstand das Unglück haben, die Schönheiten der Künste weder empfinden noch beurteilen zu können. Endlich betrachten auch einige nur den Misbrauch, den manche von den schönen Wissenschaften machen, und das Ubel so aus diesem Misbrauche entsteht. Wer möchte aber wohl die ganze Dichtkunst schmähen, weil Ovid eine artem amandi geschrieben? Und wo ist denn die Wissenschaft, die einer solchen Entehrung nicht ausgesetzt wäre? Der Rechtsgelehre ohne Ehre und Tugend verdrehet den Sinn der deutlichsten Gesetze,


