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3 (1899) Von den Mittelschulen
Entstehung
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schaft mehr missbraucht worden, und noch missbrauchet wird, als jener der Phylosophie. Sie diente, von dem ersten Menschenalter an, eben so sehr zur Gelegenheit, die abendtheuerlichsten und seltsamsten Einfälle auszuhecken, als sie, an sich selbst, jederzeit das Mittel gewesen, die tiefsten Warheiten in ihren Grundschlüssen zu entwickeln. Bosheit und Edelmüthigkeit, Thor- heit und Menschenliebe haben sie wechselweise benutzt. Und wer sieht nicht, dass sich heute manch unwissender Halbkopf, manch unempfindlicher Misantrop unter der Hülle eines Phylo- sophen versteckt? Auch Gottesläugner streuen unter diesem Vorwande die grässlichsten Irr- lehren aus. Die gewöhnlichen Lehrer aber verhüllen die Phylosophie in ein Gemisch von un- nützen, lächerlichen, und elenden Dingen, welche der Jugend einige Jahren rauben, ohne ihr, zur Vergeltung, den geringsten Nutzen zu bringen. Diese alle verdienen den würdigen Namen eines Phylosophen eben so wenig, als wenig sie es in der That sind.

§ 204. Hieraus ist also leicht zu ermessen, dass man solch eine phylosophische Rubriken- Lehre(so schon sie sich auch mit der Jugend treiben liess) dennoch in Rücksicht dessen, was dadurch, für die ganze Zukunft, versäumt werden könnte, den Mittelschulen nicht vorschreiben, sondern vielmehr eine gewisse Art, mit der Jugend, bei Gelegenheit der schönen Wissenschaften, zu phylosophieren festsetzen müsste.

§ 205. Zu diesem Endzweck wäre nun freilich nothwendig, eine gründliche Vernunft- lehre voran zu senden. Allein da den Schülern schon die weesentlichsten Theile der Mathematik bekannt. und diese hinreichend sind, den Geist also zu schärfen, und die Denkkräfte in solche Richtigkeit zu ordnen, dass nicht leicht ein falscher Schluss von dem Verstande angenommenen, oder von ihm unentdeckt bleiben kann; so mag man in diesen Mittelschulen auch der sogenannten Logik entbehren, und sie ebenso, wie die Metaphysik oder Ontologie nebst der Kosmologie und Geisterlehre auf die Akademie verweisen.

§ 206. Die Naturlehre(deren Kenntnis weesentlich unter die Vorbereitungen der e. Naturlehre.

schönen Wissenschaften und der Bildung des Geschmackes gehöret) ist. nach ihren ersten Be- griffen, den gegenwärtigen Lehrlingen bereits schon in der Realschule beigebracht worden. Hier, in der Mittelschule, bedarf es also nur einer weitläufigeren Behandlung dieser Wissen- schaft, welche nicht das erhabene Weesen der Metaphysik(die wenn sie vor der Zeit gelehret wird, einen unreifen, der ganzen Moralität nachtheiligen, Stolz einflösen kann) sondern jene fast überall in die Sinne fallende Zierden der göttlichen Allmacht begreifet und zugleich demüthiget, da sie belehret. Sie beschäftiget sich mit allem, was körperlich ist und in den drey Reihen der Natur seinen Ursprung und Aufenthalt hat. Die Wolken, die sich auf die Gipfel der höchsten Berge zu stützen scheinen, und das Erz. so im Eingeweide der Erde stecket; die Pflanzen und Thiere aller Welttheile, und der Mensch selbst, in so weit er einen Körper hat, erscheinen auf diesem Schauplatze der Natur, und verkündigen und lehren selbst die Allmacht und Weisheit des Schöpfers. Ein nach Krügers oder Vogels Methode, verfasstes Lehrbuch. Experimente, und ein Naturalien-Cabinet, nebst einigen Kupferstichen, werden bei diesem Unterrichte erfoderlich seyn. Die Lehre wird in deutscher Sprache vor- getragen, und die Jugend in einer reinen, sowohl mündlichen als schriftlichen Erzählung der erhaltenen Lehre mit gleicher Sprache geübet.

§ 207. Nicht so fast um das Herz den Eindrücken der schönen Wissenschaften zu öffnen, als viel mehr um das Gesetz der Tugend in seinem Innbegriffe zu lehren, möchte es auch nothwendig seyn, die Sittenlehre, in einem besonderen Zus amm enhang, hier den Schülern mitzutheilen. Es sind aber die wichtigsten Grundsätze dieses Lehrgebäudes als ein nothwendiger Theil des Katechismus. dessen vornehmste Lehre ohnehin auf dem Gebothe des