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der bisherigen Schulen, und unter dem Zwange der schreckbaren Syntax-Reglen geseufzet zu haben. Dann ist es aber Zeit,(so, wie bei der deutschen Sprache geschehen ist) die Gram- matik in die Hand zu nehmen und solche mit den Kindern ein- oder zweymal durchzugehen. Sie wissen ohnehin schon, was Grammatik ist. Sie haben auch bei dem Durchlesen der latei- nischen klassischen Schriftsteller die meisten Reglen bereits gehöret und geübet; folglich ist ihnen weder das eine noch das andere neu, unbegreiflich oder verdrüsslich. Man gehet zugleich zu den schweren klassischen Schriftstellern über; setzet nunmehr die aus denselben gefertigte Uber- setzung wieder in das Latein, vergleichet die eigene Arbeit mit der Urschrift, fährt immer fort, lateinisch zu sprechen, mit dem unzweifelbaren Erfolge, eben so leicht als gründlich eine ächte Latinität zu erlernen.
§ 173. Noch ist ins Besondere bei der Lehrweise der lateinischen Sprache dasjenige zu wiederholen, was oben bei jener der deutschen, wegen den rhetorischen und poetischen An- merkungen erinnert worden ist. Und hier muss dieses um so eifriger geschehen, weil wir in der lateinischen Sprache ohnehin die Hauptquellen entdecken, aus welchen die Deutschen und alle andere europäische Nationen die Schönheiten ihrer Reden und ihrer Gesänge geschöpfet haben. Eine gleiche Aufmerksamkeit ist in Ansehung der Prosodie erfoderlich. Ubrigens aber soll auch hier keinem lateinischen Schüler, so wenig als oben den deutschen, der geringste An- lass gegeben werden, selbst dichterische oder rednerische Arbeiten zu unternehmen, und mit Beistande des gradus ad parnassum, oder der officina epithetorum und des synonimischen Wörter- buches, erborgte. selbst unbegriffene Gedanken in ein elendes Geweb ohne Geschmack und ohne Empfindung zusammen zu knüteln.
§ 174. Die französische Sprache hat nach dem heutigen Weltgeschmacke ein er-3 Französisch
worbenes Recht, der lateinischen in den Schulen zur Seite zu stehen. In gewissem Betrachte übertrifft die Nothwendigkeit französisch zu lernen sogar die Erlernung der lateinischen Sprache. Die tägliche Erfahrung macht hier alle weitläufige Beweise überflüssig. Es müssen hiemit alle Knaben, welche den Studien gewidmet sind, in der französischen Sprache und zwar unumgäng- lich von einem gebohrenen Franzosen(der aber zugleich weder im Deutschen noch im Lateinischen unerfahren ist) ordentlich unterrichtet werden. In Anbetracht, dass in den Schulen mehrere Sprachen getrieben werden, ist, wie es sich von selbsten verstehet, die Sache also einzurichten, damit ja keine Sprachlehre die andere störe, oder sich mehrere in dem Kopfe, und in der Aussprache, des Schülers mit einander vermengen, welches sonst, wenn es nicht im Anfange genau verhütet wird, oft die geschicktesten Leute, die mehrere Sprachen besitzen, lächerlich macht. Übrigens wird erst dann zur französischen Sprachstunde geschritten, nach- dem sich die Lehrlinge schon einige Jahre hindurch im Latein geübet haben.
§ 175. Die französische ist eine Sprache, wie die erwänten zwo anderen, und also ist bei derselben die gleiche Lehrweise beizubehalten. Die grammaire bleibet daher ebenmässig, die ersten Jahre hindurch, bei Seite geleget, und wird an ihrer Statt nur allein die Routine, nach Art der lateinischen zum Leitfaden genommen. Die Schüler lernen Worte und Redens- arten auswendig; lesen unverweilt gute, für die Jugend unanstössliche, Bücher; übersetzen. und werden gleich zum Sprechen aufgemuntert. Geschieht dieses, so werden sie in kurzer Zeit einen grossen, und um so leichteren Fortgang machen, als sie schon einige Jahre hindurch in der lateinischen Sprache, die mit derselben in so mancher wesentlichen Verbindung stehet, ge- übet sind. Nach Verlaufe zweier Jahre wird dann auch die grammaire, oder der theoretische Theil einer jeden Sprache, dem praktischen beigefüget, und also das Gebäude, so die Natur aufgefüret hat, durch die Kunst befestiget.


