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3 (1899) Von den Mittelschulen
Entstehung
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Grammatischer§ 165. Da hier das erstemal die Rede von der Grammatik, oder dem sogenannten Syn-

Unterrichtx taxe, ist; so ist es auch notwendig denselben, nebst der Zeit, wann er eigentlich gelehrt

werden sollte, hier eigens zu betrachten, und die daraus folgenden Grundregeln auf alle Sprachen anzuwenden.

§ 166. Eine jede Grammatik ist der Imbegriff der Regeln einer Sprache. Diese Reglen sind aus dem allgemeinen Gebrauche einer Nation durch geschickte Männer abgesondert, unter Arten und Geschlechter gebracht, und mit den Bemerkungen der vielfältigen Abweichungen und Ausnahmen versehen worden. Die Reglen der Sprachlehre enthalten daher nothwendiger Weise viel metaphysisches, sind(um mich so auszudrücken) ein trockenes Wesen, und beschwerlich in das Gedächtnis zu bringen. Es hat seine natürliche Richtigkeit, dass sie jünger als die Sprachen selbst sind; denn sie leiten ihren Ursprung aus dem festgesetzten Gebrauche der Sprachen. Die Welt hat vielerlei Sprachen geredet, ehe man noch an Syntaxen gedacht. Es wiederstrebet daher der natürlichen Ordnung und der Fähigkeiten der Kinder, wenn man, um sie in einer neuen Sprache zu unterrichten, mit der Grammatik den Anfang machet. Es ist wirklich nichts so lächerlich und widersinnig, als die bisherige Gewohnheit, 7 oder achtjährigen Kindern die sogenannten lateinischen Rudimenta in die Hände zu geben, um aus einem lateinischen Buche Latein zu lernen. Jedes Kind ist eine neue Welt im Kleinen; seine Erkenntnisse können daher keinem besseren Leidfaden folgen, als jenem, nach welchem die allgemeinen Erkenntnisse der Welt, von ihrem Ursprunge an, zu dem gegenwärtigen Grade der Wissenschaften emporgestiegen sind. Nur allein die UÜUbung, aus welcher nachhin die Regeln selbst entstanden sind, ist dieser Leidfaden. Eine offenbare Wahrheit, die sich nicht nur auf die Grammatik, sondern auf alle Gegenstände der jugendlichen Lehre erstrecket! Man muss sich hierinn die Irrwege, welche man selbst im Laufe der Erfahrung gegangen, zu Nutzen machen, und also die durch soviele Beispiele schon erleuchtete Strasse der Verbesserung; mit Thätigkeit, wandlen. Es bleibt mithin ein unumstösslicher Grundsatz, alle Grammatiken von dem ersten Unterrichte in einer Sprache gänzlich zu entfernen, und solche erst alsdann zur Hand zu nehmen, wenn der Schüler in der neuen Sprache schon mit einiger Fertigkeit bewandert und etliche Jahre hindurch darinn geübt ist. So lernen alle Nationen der Erde ihre Muttersprache, und der Studierende macht sich erst in späthen Jahren die Reglen bekannt, nach dennen er im Vortrage, und in schriftlichen Aufsätzen seiner Sprache gegründet wird. So lernen Tausende erwachsene Personen die französische, italiänische, englische, und andere Sprachen, ohne öfters an eine syntaxische Regel jemals zu gedenken, und die Marter der sprödesten Lehre, so die Welt hat, zu empfinden. Die UÜbung im Sprechen, Lesen und Schreiben ist der einzige nnd angenehmste Lehrmeister der Sprachen, Diese bereichert das Gedächtnis mit Beispielen, welche sich alsdann, wenn die Zeit, den Syn- tax, zu studieren, erscheint, vom selbsten dem Vermögen der Einbildung darstellen und die Mühe unglaublich versüssen.

§ 167. Unsere Schüler der lateinischen Sprache besitzen nun aber die deutsche hin- reichend; die Lehrer der Realschule haben sie bereits zur reinen Mundart, einige Jahre hin- durch, angehalten, und keine andere als gut geschriebene deutsche Bücher lesen gelassen. Es ist also itzt der natürlichen Ordnung gemäss, mit denselben, gleich im ersten Jahre der latein- ischen oder Mittelschulen, die deutsche Grammatik vor die Augen zu nehmen. Der Nutzen, welcher dadurch erhalten wird, ist zweifach: 1tens wird es eine gar leichte Sache, und gleich- sam ein Spielwerk für Kinder seyn, die Reglen einer Sprache zu fassen, welche sie schon voll- kommen reden. Es wird daher auch nicht viele Zeit brauchen, ihnen alle dieses wohl be-