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kein Christ gebildet, sondern nur eine solche Maschine, von welcher in der Schrift gesagt wird: Sie loben mich zwar mit ihren Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.
§ 82. Das Lesen ist das Werkzeug aller Wissenschaften, und zugleich der erste Schritt zu denselben. Gemeiniglich wird schon. bei diesen Anfangsgründen der Erkenntnisse. der Abscheu für dem Lernen den Kindern durch die unnatürlichste Lehrweise eingepflanzet. Wenn es in einer Sache nothwendig ist, der natürlichen Ordnung zu folgen, und von dem leichten zu dem schweren überzugehen: so ist es gewis in dieser. Die gegenwärtige Lehre theilet sich in drey Gegenstände: In das Kenntnis der Buchstaben, das Zusammen- setzen(mit möglichster Vermeidung der Buchstabier-Marter) und in das Lesen.
§ 83. Bei dem ersten tretten die schon gegebenen allgemeinen Reglen ein, dass man nemlich von den leichtesten Buchstaben anfange, einen aus dem andern herleite, und bei jedem den Unterschied bemerke, warum er so, und nicht anders heisset. Z. B. der leichteste Buch- stabe ist das i, welches aus einem Striche und einem Punkt bestehet. Wird der Punkt an die Seite gesetzt, so wird ein(gedrucktes) x daraus, Jener oben schwebende Punkt unter- scheidet aber das i von allen anderen Buchstaben u. s. w.
§ 84. Der Schullehrer muss also über sämtliche Buchstaben gewisse Tabellen fertigen, auf solchen die Buchstaben nach ihrer Verwandtschaft zusammenstellen, und immer bei jedem die unterscheidende Ursache seiner Bedeutung anzeigen.
§ 85. Das Buchstabieren. wie kurz zuvor(§ 82) bemerket worden, ist für Kinder ein qualenvolles Geschäft, an sich selbst aber keine nothwendige Sache. Es ist gewiss, dass der Ton einer, aus verschiedenen zusammen genommenen Buchstaben, bestehenden Silbe anders laute, als wenn die Buchstaben nach und nach einzeln ausgesprochen werden. Der immer anhaltende Gebrauch verschiedener, nach dem Tone ihrer Verbindungen verfassten
* 2. Lesen.
Buchstaben- und Silben-Tabellen, welche vor den Augen der Schüler hängen sollen, und das.
beständige Vorzeichnen des Lehrmeisters leisten hierbei die besten Dienste.
§ 86. Das Lesen wird endlich durch fleissige Ubung in der Aussprache immer mehr und mehr zusammengesetzter Silben, und durch das schon vorangegangene Kenntnis ihrer Verbindungstöne erhalten, und hiedurch(wenn der Lehrer seine Geschicklichkeit und seinen Eifer zeigen will) schon ein starker Grund sowohl zum reinen Vortrage der Mutter- sprache, als auch zu derselben Rechtschreibung gelegt. Ein wohlverfasstes a. b. c. Buch mit Tabellen, auf denen die Verwandtschaft und Verbindung derselben gehörig erwiesen, und welchem verschiedene immer vom Leichten auf das Schwerere aufsteigende Sätze, nach einem deutlichen Sinne zusammenhängender Worte, beigesetzt sind, wird zu der gegenwärtigen Lehre erfordert, wozu dermal noch kein besseres Muster gefunden werden kann, als jenes, welches das Berlinische neu eingerichtete Schulbuch, in dem 1ten und 3ten Theile enthält— obschon man sich für die Zukunft noch was vollständigeres versprechen möchte.
§ 87. Kinder lieben von Natur die malerischen Nachahmungen der Bilder und Zeichen, welche in ihren Augen schön und wunderbar sind. Und hier zeiget die Natur abermal den Weeg, dieselben zur nothwendigen Kunst des Schönschreibens anzufüren. Die gewönliche Weise, schreiben zu lernen, taugt eben so wenig als die Lehre des Lesens. Statt anfänglich den zusammengesetzten Buchstaben a vorzuschreiben, ist es besser, den einfachsten Buch- staben zuerst zu nehmen, und zu den immer mehr und mehr zusammengesetzten fort- zuschreiten. Das i kömmt hier, nach der wahren Ordnung, abermals am ersten zum Vorschein,
3. Schreiben.


